Zwischen Transparenz und Denunziation

Der Job als Lehrbeauftragte bringt es mit sich, dass man täglich von einer ganzen Reihe junger Menschen beobachtet und auch beurteilt wird. Anders geht’s ja nicht. Wenn wir nicht möchten, dass die Studierenden unreflektiert alles hinnehmen, was wir ihnen beizubringen versuchen, dann müssen diese jungen Menschen den Stoff hinterfragen. Und sie müssen auch ihren Lehrkörper hinterfragen (dürfen).

Ob mir das auf die Nerven geht? Darauf können Sie wetten. Es ist nicht lustig, infrage gestellt zu werden. Würde ich es anders wollen? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Ich bin in die wissenschaftliche Lehre gegangen, weil ich den Diskurs will. Und weil ich Menschen ermutigen möchte, in diesen Diskurs einzutreten und ihn zu gestalten. Das ist mit dem Auftrag, immer mehr Studierende durch immer standardisiertere Prüfungen zu prügeln, zwar nicht immer gut vereinbar, läuft diesem sogar weitgehend zuwider. Aber es ist doch der Spaß an der Wissenschaft und am Unterrichten: wenn man gemeinsam zu neuen, besseren Erkenntnissen kommt.

Leider ist das wissenschaftliche sich-Auseinandersetzen etwas, das in der Hochschulausbildung oft nicht mehr gewürdigt wird. Man bekommt auch keine Credits dafür. Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter wollen forschen, und für viele ist die Lehre dabei ein Störfaktor. Lehrbeauftragte haben nicht unbedingt Zugang zu Forschungseinrichtungen oder haben daran auch gar kein Interesse, weil sie ‚die Praxis‘ in die Ausbildung bringen sollen. Studierende werden nicht ermutigt, sich am Diskurs zu beteiligen, sie sollen auf den Beruf ‚draußen‘ vorbereitet werden. Und das möglichst zügig und mit Bestnoten statt mit kritischem Geist. Welcher Unternehmer braucht massenweise BWLer, die gesellschaftskritische Fragen stellen?

Angst vor der eigenen Courage

Ist es da ein Wunder, wenn der Diskurs nicht mehr auf wissenschaftlichem Niveau und unter Beachtung gewisser Regeln abläuft, sondern sich ins anonyme Netz verlagert, wo dann mangels Gesprächspartner nicht mehr der Inhalt der Lehre kritisiert wird, sondern die persönlichen Ansichten von Professoren?

Wenn Professoren nicht mehr kritisiert werden dürfen, hat sich Wissenschaft erledigt. Dann wären nämlich alle Fragen zufriedenstellend und abschließend beantwortet. Trotzdem fragt man sich angesichts des Münkler-Blogs unweigerlich, was junge Menschen von ihrer Hochschulausbildung eigentlich erwarten: gegendertes, politisch-korrektes Mainstreamwissen? Im Schutze der Anonymität die Aussagen eines Professors zu interpretieren, sie aber nicht zu belegen, hat nichts damit zu tun, den durchaus kritikwürdigen Wissenschaftsbetrieb vorzuführen. Oder dem Professor andere Sichtweisen entgegenzuhalten, damit er sich erklärt. Kritisches Denken lernt man doch nicht, wenn alle dieselbe Meinung vertreten und diese auch noch perfekt kommunizieren!

Deshalb: Steigen Sie in den Ring! Mit offenem Visier und ohne Angst vor dem rhetorisch versierten Großmeister. ‚Der Professor würde in einem Gespräch gewinnen‘. Was ist das denn für eine armselige Begründung für das Mittel der anonymen Denunziation???!!!??? Wenn der andere besser argumentiert, dann ist es Ihre Aufgabe, sich zu entwickeln und NOCH besser zu sein. DAS ist Wissenschaft, das ist Diskurs auf Augenhöhe. Das Machtgefälle macht Ihnen Sorge? Was glauben Sie denn, was in Ihrem Leben noch alles auf Sie zukommt? Übernehmen Sie die Macht! Wie das geht? Indem Sie die Verantwortung übernehmen. Sie haben Angst? Wovor denn? Dass jemand, den Sie nicht respektieren, seine Macht missbraucht? Und Ihre Generation soll die Welt retten? Na danke.

Lehrende sind auch nur Menschen

Es geht hier nicht darum, Professor Münklers Ausführungen in Schutz zu nehmen. Ich war nicht dabei, ich weiß nicht, was er gesagt hat. Bestimmt bietet der Kollege reichlich Angriffsfläche. Es geht darum, dass auch in meiner Vorlesung Sätze fallen, die man falsch verstehen kann, wenn man will. Es geht darum, dass man als Lehrkörper eine Persönlichkeit mit vielen Facetten ist, die nicht alle supi sind. Es geht darum, dass man sich als Lehrende nicht ständig vom vermittelten Stoff distanziert, und das kann dann auch mal klingen, als sei man mit dem Autor einer Meinung. Ich traue meinen Studierenden zu, dass sie wissen, was ich meine, wenn ich die deutsche Führungskultur mit dem Satz kommentiere: „Arbeit macht frei.“ Aber wenn jemand nur diesen einen Satz auf Youtube stellen würde, wen würde dann der Zusammenhang noch interessieren, in dem ich den gesagt habe?

Allerdings: Wenn das meine Vorlesung wäre, die da wöchentlich auseinander genommen wird, wäre die längst als Livestream verfügbar. Direkte Demokratie. Das wäre die einem Politikprofessor angemessene Reaktion auf den Ruf nach öffentlicher Debatte: Action Research am eigenen Beispiel – die Studierenden ernst nehmen, die eigene Rolle als Lehrender ebenso, und vielleicht gemeinsam zu neuen Erkenntnissen kommen.

Oh Athene, hoffentlich muss ich diese Aussage nie umsetzen!

 

 

6 Gedanken zu „Zwischen Transparenz und Denunziation

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