Zum Weltfrauentag

Hach ja, nun ist sie also da: die Frauenquote. Von 2016 an müssen in bestimmten Unternehmen die Aufsichtsratsposten zu mindestens 30 % mit Frauen besetzt sein – im Vergleich zu heutigen gerade mal knapp 19%. Man könnte meinen, das klingt ja gut, fast eine Verdopplung der Frauen in Führungsverantwortung. Aber betroffen sind davon nicht einmal 1 % aller Unternehmen in Deutschland. Was auch kein Wunder ist, denn die meisten Unternehmen haben ja gar keinen Aufsichtsrat.

Der Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat ist ein in Kapitalgesellschaften vorgeschriebenes Aufsichtsgremium, das ab einer Größe von 2.000 Mitarbeitern (nur für diese gilt die neue Frauenquote) paritätisch aus Kapitaleignern und Arbeitnehmervertretern zusammengesetzt ist. Diese wählen aus ihren Reihen die Mitglieder des Aufsichtsrats (3 bis 20, je nach Unternehmensgröße). Im Gegensatz zu dem gebetsmühlenartig wiederholten Argument, es gäbe keine qualifizierten Frauen für diese Positionen, ist es also in der Realität mit dem Aufsichtsrat so ähnlich wie mit dem Job als Politiker: Es gibt überhaupt keine formalen Anforderungen an die Qualifikation. Man muss gewählt werden.

Da der Aufsichtsrat den Vorstand, bzw. die Geschäftsführung kontrollieren soll, wäre es natürlich schön, wenn die Personen im Aufsichtsrat dazu auch in der Lage wären. Dies an eine formale Qualifikation zu binden, würde jedoch die Grundidee der Mitbestimmung ad absurdum führen. Genau wie die Demokratie ad absurdum geführt wird, wenn das ungebildete Volk von der Macht ausgeschlossen wird – und dabei ist es egal, ob das aktiv geschieht oder indem man der Unterschicht die Lust aufs Wählen vergrätzt (um mal für eine Sekunde politisch zu werden). Grundsätzlich ist es doch fragwürdig, warum z.B. ein x-beliebiger Aktionär besser in der Lage sein sollte, unternehmerische Entscheidungen zu beurteilen, als die Sekretärin vom Personalleiter. Dass ausreichend Führungskräfte im Aufsichtsrat vertreten sind, ist außerdem gesetzlich vorgeschrieben, man braucht sich also nicht um fachliche Expertise an sich zu sorgen. Wäre es nicht im Sinne eines nachhaltigen Stakeholder-Management ganz attraktiv, wenn auch im Kontrollgremium Menschen sehr diverser Hintergründe die Unternehmenssituation diskutieren und beurteilen würden?

Gender Equality?
Gender Equality?

Warum ich den Aufsichtsrat dennoch für das genau falsche Gremium halte, um eine Quote einzuführen? Erstens glaube ich, dass man Leuten nicht in ihre demokratischen Prozesse pfuschen sollte. Und zweitens: Kontrollgremium. Das ist wie wenn Vater ein neues Auto kauft und Mutter hinterher sagt: naja, der fährt sich ja ganz gut. Die Entscheidungen fallen woanders. Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand, aber der Vorstand führt die Geschäfte. Der Aufsichtsrat entscheidet gar nichts. Außer, wer Geschäftsführer wird. Natürlich ist das eine ganz wichtige Frage. Aber für die Gleichberechtigung von Frauen wäre es doch sehr viel hilfreicher, wenn vorgeschrieben wäre, dass Frauen jeden Tag an den Entscheidungsprozessen in Unternehmen, und zwar auf höchster Ebene, zu beteiligen sind. Wie kann es sein, dass in manchen Unternehmen 80 % Frauen arbeiten, aber keine einzige Frau im Top-Management sitzt?

In den großen DAX-Unternehmen sind Diversity-Management und Frauenförderung längst angekommen. Sicher nicht überall perfekt. Aber dass es uns hilft, wenn man genau dort jetzt noch mehr verlangt, statt sich mal der breiten Masse vorurteilsbehafteter Chefs, Kollegen und ja, auch Kolleginnen und Chefinnen, zu widmen, das kann ich beim besten Willen nicht glauben.

Und ganz ehrlich: Solange Frauen die Produkte von Firmen kaufen, in denen sie selbst keine Chance hätten, ganz nach oben zu kommen, so lange brauche ich mich doch auch nicht zu wundern, dass Gleichstellung niemanden interessiert außer ein paar Hardcore-Feministinnen und den wenigen Frauen, die gern Karriere machen würden. Wir scheitern viel weniger an der vereinigten Männerfront als am Desinteresse unserer Geschlechtsgenossinnen.

Einen schönen Weltfrauentag wünscht deshalb

Ihre Frau Junge

P.S.: Wir jammern auf hohem Niveau, und auch daran sollten wir heute denken. Wie wäre es, wenn Sie noch fix ans Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen oder eine andere Hilfsorganisation spenden, bevor Sie weitersurfen?

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