Grenzen Sie noch ein?

1. Semester, Vorlesung Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Das Semester ist halb rum, da geraten die Studierenden allmählich in Panik. Es dämmert ihnen, dass der Satz der Lehrbeauftragten aus der ersten Stunde ‚Fangen Sie frühzeitig an zu lernen‘ nicht nur übliches Blabla des Lehrkörpers war. Und dann geht’s los.

  • Das ist viel zu viel!
  • Wir schreiben 6 Klausuren parallel.
  • Können Sie nochmal eingrenzen?
  • Ich versteh das nicht…
  • Wenn man das so halb richtig hat und dann falsch, geben Sie dann trotzdem Punkte dafür?
  • Kann sowas in der Klausur drankommen?

Ähm, nee, ich bespaße euch aus Langeweile und in der Klausur kommt nix dran, worüber wir im Unterricht gesprochen haben. Was ist los mit diesen Studenten? Waren wir auch so? Ja, waren wir. Das ist aber fast 20 Jahre her und die Evolution (oder Gott, je nach dem, welcher Theorie du anhängst) hat uns mit der Gnade des Vergessens gesegnet. Deshalb stehe ich heute manchmal fassungslos vor meinen Studenten und Studentinnen, die am Beginn ihrer Reise schon nur wissen wollen, welchen Teil sie auslassen können. Leute! Das ist doch bescheuert.

Die Einführungsveranstaltungen, von denen ich einige über mich habe ergehen lassen wegen diverser Fachwechsel, bevor ich dann endlich den ersten Anlauf geschmissen habe, sind Einführungen. Alles, was du da machst, kommt nochmal wieder dran. Wenn man den Studenten im 5. Semester glauben darf, kommen einige Themen sogar IMMER WIEDER dran – Porter zum Beispiel, BCG-Matrix oder SWOT-Analysen. Kennzahlen berechnen zu können schadet einem Betriebswirt auch nicht wirklich. Warum also nicht im ersten Jahr gleich so richtig ranklotzen und lernen? Eine breite Basis an Grundlagenwissen schaffen, auf der man dann die Vertiefungen aufbauen kann?

Die Klausur will bestanden werden, das ist ja klar. Aber nach der Klausur geht es nicht nur im Studium weiter. Irgendwann entlassen wir dich mit einem Bachelor oder Master in der Tasche in die Arbeitswelt. Und es wäre doch schön für deinen potentiellen neuen Geldgeber, wenn du dann auch können würdest, was wir dir in vielen, manchmal quälend langen, Stunden Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre beigepult haben.

Das mit dem Eingrenzen ist so eine Sache. Man denkt, man tut den Studierenden einen Gefallen, weil die ja so viel lernen müssen (und das müssen sie tatsächlich, an der FH auch noch nach einem relativ straffen Stundenplan verglichen mit dem Uni-Leben). Aber im Grunde genommen ist es albern. Kindergarten ist vorbei; was glaubst du, wie viel Stoff du dir in den ersten vier Wochen im Job in den Kopf prügeln musst?!? Auf Klausuren hin zu lernen verschafft dir vielleicht gute Noten, aber eine sinnvolle Arbeitshaltung erlernst du so nicht. Es reduziert auch nicht den Aufwand, weil du langfristig ja auf jede Klausur neu hin lernen musst, statt auf einer guten Basis aufbauen zu können.

Grenzen Sie nochmal ein? Besonders mag ich diese Frage im Anschluss an Wiederholungstage. Oder wenn ich 90 Minuten lang versucht habe, interessanter zu sein als dein Instagram-Account.

Ich bereite dich auf die Klausur vor. Aber ich trage niemanden über die Ziellinie. Wer nach einer Woche Wiederholung nicht weiß, was in der Klausur drankommen könnte, verdient es vielleicht ganz einfach, durchzufallen. BWL ist nicht rocket sciene. Aber stell dir mal einen Medizin-Studenten vor, der nach ‚Einführung in die Anatomie des Menschen‘ den Dozenten fragt, welche Organe er für die Klausur können muss. Zu dem Arzt möchtest du bestimmt gehen. Dass Manager so selten Leben retten, mag aussehen, als wäre das in BWL alles nicht so wichtig. Aber so mancher Fluggast, Bergarbeiter, oder Näherinnen in Bangladesch fänden es sicher ganz super, wenn auch wir unser Metier beherrschen würden.

In diesem Sinne, LERNT GEFÄLLIGST!

Eure Frau Junge

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