F*** dich, Professionalität!

In der Uni bin ich mal aus einem Seminar geflogen, weil ich die Auffassung vertrat, dass die Professionalität von Menschen in helfenden Berufen mehr mit ihrer Persönlichkeit zu tun habe als mit ihrer Ausbildung. Der Professor hatte eine Studie vorgestellt, in der Ärzte und Pädagogen im Hinblick auf die beiden Qualitäten Empathie und Professionalität miteinander verglichen wurden. Und das – wie ich fand – wenig überraschende Ergebnis lautete: Ärzte sind total professional, aber nicht besonders empathisch, wohingegen Pädagogen im Allgemeinen sehr empathisch sind, aber nicht besonders professionell.

Darauf ich: Professionalität lernt man ja auch nicht an der Uni.
Darauf der Prof: Warum sind Sie dann hier?
Ich: Weil ich diesen Zettel brauche, auf dem Diplom-Pädagoge steht, damit ich arbeiten darf.

Es stellte sich heraus, dass Professoren es nicht so geil finden, wenn man ihnen sagt, dass ihre Veranstaltung fachlich nutzlos ist und der Besuch nur der Prüfungsordnung geschuldet. Der gute Mann legte mir also nahe, sein Seminar zu verlassen. „Und am besten auch gleich die Universität!“ Der Rest ist Geschichte, und hier sitze ich nun.

Ich denke immer noch, dass es nachvollziehbar ist, dass Ärzte, die immerhin zu 30% selbst aus Arztfamilien kommen, und einen Beruf mit recht hohem gesellschaftlichen Status und Einkommenspotential gewählt haben, tendenziell professioneller an ihre Patienten herangehen als Menschen, die im 1. Semester mit „Hallo, Taxifahrer!“ begrüßt werden und im Laufe ihres Lebens kaum Aussicht haben, auch nur auf ein durchschnittliches Gehalt zu kommen. Wenn deine Arbeit sich finanziell nicht lohnt und dir kein Ansehen bringt, muss sie dich zumindest auf emotionaler Ebene ausfüllen. Und *zack!* – Burnout.

Allerdings weiß ich mittlerweile auch meine erste Ausbildung etwas mehr zu schätzen. Wenn mich heute BWL-Studierende fragen, welche Fächer ich als Ergänzung empfehlen würde, dann sage ich: Jeweils 1 Semester Pädagogik, Psychologie und Soziologie: Wie entwickeln sich Menschen, wie tickt das Individuum und wie ticken Menschen in Gruppen? Wenn jede Führungskraft da die Basics kennen würde, wäre schon viel gewonnen. Denn jeder Mensch hat früher oder später Probleme, und die Zunahme psychischer Erkrankungen, das längere Erwerbsleben, die Inklusion von Menschen mit verschiedensten Behinderungen und nicht zuletzt die Integration traumatisierter Kriegsflüchtlinge in die Arbeitswelt kann jeden von uns jeden Tag mit Problemen konfrontieren, auf die wir nicht vorbereitet sind.

Zur Ausbildung in den so genannten helfenden Berufen wie Krankenpfleger oder Trauerbegleiter oder in Studienfächern wie Medizin, Psychologie und Pädagogik gehört es, seine eigenen Dämonen anzuschauen und zu lernen, wie man sich von den Problemen der Kunden, Klienten, Patienten distanzieren kann. Beides gehört zu dem schwammigen Begriff ‚Professionalität‘, mit dem wir mehr meinen als einfach nur fachlich gut zu sein. Beides ist aber auch Bedingung für fachliche Exzellenz. Die eigenen Probleme abgearbeitet zu haben, ermöglicht es uns, wirklich Lösungen FÜR DEN KLIENTEN zu erarbeiten, Lösungen, die zu ihm passen, egal, wie wir darüber denken. Damit ein Arzt respektieren kann, wenn ein todkranker Patient keine weitere Behandlung wünscht, muss er selbst mit dem Sterben klarkommen.

Das ist eine ständige Gratwanderung, denn wenn es dem Arzt völlig egal wäre, ob seine Patienten sterben, würden wir uns fragen, wie viel Mühe er sich bei der Behandlung gibt oder bei der Weiterentwicklung der Medizin. Wie schaffen es Menschen, die täglich mit den Schicksalsschlägen anderer Menschen konfrontiert sind, selbst nicht kaputt zu gehen? Und was können wir daraus für Situationen lernen, in denen wir – völlig unbeabsichtigt – mit Problemen von Leuten konfrontiert sind, auf die wir nicht vorbereitet sind? Weil ein Mitarbeiter schwer erkrankt, eine Freundin ihren Partner verliert oder ein Klassenkamerad den Kampf gegen seine Sucht zu verlieren droht?

Was nicht hilft
  1. Sich verantwortlich fühlen: Ob Profi oder nicht, wenn jemand ein Problem hat, der uns nahe steht, ist uns das nicht egal. Wir wollen helfen. Wir glauben, wenn wir nur genug Verständnis aufbringen, das Richtige tun, die richtigen Worte finden, geht es dem anderen besser. Das ist Blödsinn. Wir sind nicht für die Entscheidungen anderer Menschen verantwortlich. Ob jemand in Therapie geht, sich Hilfe sucht, sein Verhalten ändert, gesund werden will, liegt nicht in unserer Hand. Das ist schmerzhaft, aber eine der wichtigsten Lektionen, wenn man selbst nicht kaputtgehen will.
  2. Sich alles gefallen lassen: Manchmal fällt es schwer zu unterscheiden, ob ein Verhalten der Krankheit geschuldet ist oder ob die andere Person sich einfach nur unterirdisch benimmt. Wenn deine Mutter mit Alzheimer dir plötzlich Sexgeschichten aus ihrer Jugend erzählt, ist das eine Sache, und die Grenzziehung fällt vielleicht flach. Aber wenn ein Süchtiger dich belügt und betrügt, kann das noch so sehr krankheitsbedingt sein, du musst das Verhalten nicht dulden. Es ist o.k., Grenzen zu ziehen und die Beziehung ggfs. ganz abzubrechen.
  3. Verstehen wollen, warum jemand „sich das antut“ oder keine Hilfe in Anspruch nimmt: STOPP! Mach das nicht. Ich garantiere dir: Wenn jemand, der offensichtlich große Probleme hat, eine Suchterkrankung zum Beispiel, sich nicht helfen lässt, dann deshalb, weil das, was er mit der Sucht zu verarbeiten versucht, noch viel schlimmer ist als die Sucht. Und du willst das nicht wissen. Akzeptiere, dass die Person noch nicht so weit ist. Jeder muss in seinem eigenen Tempo durchs Leben gehen. Zieh deine Grenzen, damit du nicht mitleiden musst. Wenn es jemanden gibt, der verantwortlich sein könnte, z.B. dein Chef, ein Lehrer oder die Eltern deiner Freundin, dann informiere diese Personen. Biete deine Hilfe an für den Fall, dass sie gewünscht wird. Und dann sorge für dich selbst.
  4. Den Kollegen decken: Wenn die Erkrankung eines Kollegen oder Mitarbeiters sich auf die Arbeit auswirkt, ist es an der Zeit, dass der Kollege zusammen mit seiner Führungskraft und ggfs. der Personalabteilung Lösungen dafür findet. Du kannst diese Gespräche anregen und wenn deine Beziehung zu dem Kollegen entsprechend ist, anbieten, bei den ersten Gesprächen zur Unterstützung dabei zu sein. Aber es ist nicht deine Verantwortung dafür zu sorgen, dass jemand ‚nicht auffliegt‘ oder keine Probleme bekommt. Deine Verantwortung ist es, deinen Job gut zu machen und als Führungskraft dafür zu sorgen, dass deine Mitarbeiter ihre Arbeit gut machen können. Manchmal schließt das ein, dass man Lösungen für gesundheitliche Probleme findet. Lass dich beraten, wenn du selber dich nicht auskennst.
Wie man die professionelle Distanz bewahrt
  1. Fachwissen: Ja, genau. Das, was ich in meiner jugendlichen Arroganz so verschmäht habe. Aber ein genaues Verständnis davon zu haben, was da gerade passiert, hilft, sich vom Einzelschicksal zu lösen. Ich weiß, dass psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind, ich kenne einen guten Teil der aktuellen Erklärungen dafür, und ich weiß, wie sich diese Erkrankungen entwickeln. Ich muss mich nicht bei jeder einzelnen depressiven Studentin fragen, warum sie depressiv ist. Das wird schon seine Gründe haben. Fachwissen kann sich jeder aneignen. Man darf nur nicht denken, weil man zwei Bücher und einen Blog gelesen hat, sei man jetzt Arzt. Aber Wissen hilft einzuordnen, was man erlebt. Wenn du also eine Freundin hast, die trauert, dann lies etwas dazu, wie Trauer funktioniert. Wenn ein Kollege säuft, beschäftige dich mit Sucht im Allgemeinen und mit Alkoholismus im Besonderen. Auf diese Art kann man auf der Sachebene über die Probleme reden statt sich ständig um diesen einen Menschen zu sorgen. Das hilft dir, aber es hilft unter Umständen auch, mit dem Betroffenen zu reden, wenn du allgemein über ein Thema sprechen kannst statt persönlich werden zu müssen.
  2. Klares Bewusstsein über die eigene Rolle: Bist du Kollege? Dann bist du nicht der Therapeut. Bist du Chef? Dann bist du nicht der Therapeut. Bist du Freund, Kind, Elternteil? Dann bist du nicht der Therapeut. Selbst wenn du Therapeut bist, kannst du diesen Job nicht für deine Freunde machen. Empfiehl ihnen eine Kollegin. Mach dir bewusst, was deine Rolle ist. Ändert die sich durch die Erkrankung der anderen Person? Warum? Wenn du ein Freund bist, sei ein Freund. Bring Essen mit, mach Witze, sei einfach da. Wenn du Führungskraft bist, sei Führungskraft. Sei klar in deiner Erwartungshaltung und erarbeite zusammen mit dem erkrankten Mitarbeiter, welche Hilfsmittel ggfs. nötig sind, damit der Mitarbeiter seinen Job (weiterhin) machen kann. Klärt gemeinsam, welche Informationen die Kollegen haben müssen. Dies ist besonders wichtig, wenn es zu medizinischen Notfällen kommen kann wie Unterzuckerung, Kreislaufzusammenbruch oder Anfällen.
  3. Die andere Person normal behandeln: Auch kranke Menschen wissen in der Regel ganz gut, was sie wollen oder brauchen. Wenn du unsicher bist, wie du dich verhalten sollst: Frag! Ich habe noch nie einen Menschen mit Problemen getroffen, der gesagt hat: Ich finde es super, dieses Problem zu haben und ich möchte bitte von allen Menschen nur noch auf mein Problem reduziert werden. Außer in Selbsthilfegruppen, aber die sind ja auch dazu da, dass man über sein Problem reden kann. Außerhalb davon möchten die meisten Menschen ein weitgehend normales Leben führen. Die Verunsicherung der Mitmenschen stresst viele Kranke noch zusätzlich. Mach dein Problem mit der Erkrankung nicht zum Problem der Kranken. Tu aber auch nicht so, als hättest du kein Problem. Man kann Krebs auch zusammen scheiße finden.
  4. Respektiere, dass jeder sein eigenes Tempo hat: In meinem Freundeskreis hat jemand Krebs. Der wird tödlich verlaufen. Sie liebt das Leben und kostet jede Sekunde aus. Ihre Partnerin trauert, weil sie ihre Freundin verliert. Die Kranke sagt: Aber jetzt lebe ich doch noch! – Ein Schüler ist drogensüchtig. Wenn er es in die Schule schafft, ist er stolz. Alle anderen in seiner Klasse sind wütend, weil er kommt und geht, wie er will und man sich auf ihn nicht verlassen kann. Die Lehrer fragen sich, ob er sich etwas antut, wenn er von der Schule fliegt. – Wir haben keinen Einfluss darauf, ob oder wann sich jemand Hilfe sucht oder wie er mit seiner Erkrankung umgeht. Wir machen außerdem Unterschiede zwischen Krankheiten, die wir für Schicksalsschläge halten, wie Krebs, und sowas wie einer Sucht, bei der wir oft denken, das sei eine Sache des Willens: Hör halt auf. Aber auch eine Sucht folgt einem Verlauf, und ist man erst einmal süchtig, ist es auch keine reine Sache des Willens mehr, ob man gesund wird. Man stellt sich seinem Problem, wenn man so weit ist. Das auszuhalten kann sehr schwer sein für das persönliche Umfeld.
  5. Sich den eigenen Dämonen stellen: Es gibt viele Coaches, Therapeuten und Berater, die ihren Klienten bei genau dem Problem helfen, das sie selbst überwunden haben. Leider gibt es mindestens ebenso viele Helfer, die ihre Klientel zur Eigentherapie missbrauchen, weil sie ihr Problem selbst nicht sauber durchgearbeitet haben. Manche von denen machen trotzdem einen guten Job, gehen aber langfristig dabei kaputt. Ich bin persönlich der Meinung, dass man nicht mit Klienten arbeiten sollte, die dasselbe Problem haben wie man selbst. Aber natürlich sind die Auffassungen dazu verschieden, und viele Klienten fassen zu einem Berater besonders schnell Vertrauen, der vermeintlich dasselbe durchgemacht hat wie sie selbst. Das Risiko besteht, dass wir aufgrund unserer eigenen Erfahrungen zu wissen glauben, was die andere Person braucht. Und natürlich können eigene, noch nicht verarbeitete Erlebnisse wiederauftauchen und uns selbst in eine Krise stürzen. Wenn du also merkst, dass dich eine Situation unangemessen stark angreift, lohnt es sich, einen Blick in die eigene Geschichte zu werfen. Wo hast du eigene Baustellen? Willst du dich nicht lieber um diese eigenen Baustellen kümmern statt um die deiner Kollegin?
  6. Gefühle zulassen: Es ist völlig in Ordnung, sich traurig, wütend, hilflos oder enttäuscht zu fühlen. Und es ist völlig unnötig, dich selbst noch dafür fertig zu machen, dass du gerade nicht professionell sein kannst. Lass es zu, nimm das Gefühl wahr. Weine, wenn du traurig bist. Schrei, wenn dir was wehtut. Wirf eine Tasse an die Wand, wenn du wütend bist. Und dann lass los. Wenn diese Gefühle überhand nehmen: Siehe Punkt 5.
  7. Selbstfürsorge: Weißt du, wie du deine Batterien wieder aufladen kannst? Nimmst du dir die Zeit dafür? Sich aus der Situation zurückziehen, Zeit für sich haben, meditieren, zur Ruhe kommen hilft, die Distanz wiederzufinden. Das Erlebte selbst verarbeiten, vielleicht mit einem Kollegen durchsprechen, der sich mit dem Problem auskennt, hilft, die Situation in einen Fachkontext einzuordnen und sich von der persönlichen Betroffenheit zu lösen. Aktiv sein, den eigenen Körper spüren, sportliche Aktivität, im Garten arbeiten, sich zu erden hilft, mit dem Nachdenken über ein Problem aufzuhören und wieder bei sich selbst anzukommen. Alles, was dir gut tut, Freude macht, dir Energie gibt, ist hilfreich, denn je besser es dir geht, desto professioneller kannst du damit umgehen, wenn es anderen schlecht geht. Je mehr du bei dir selbst bist, desto eher kannst du anderen erlauben, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn du den kacke findest.

Tja, und dann gibt es diese Tage, da ist das alles nur graue Theorie. Kein Maß an Reflexionsfähigkeit, kein Respekt für den Weg des Anderen, keine Klarheit über den Verlauf einer Erkrankung kann deinen Schmerz lindern, wenn sich jemand vor deinen Augen zugrunde richtet. Natürlich sollte es dir viel leichter fallen, das zu akzeptieren, denn deine Verantwortung ist es ja nicht. Ja, bestimmt liegt das daran, dass dieser Mensch irgendwas in dir triggert. Nächste Woche musst du das wohl mal im Coaching besprechen. Aber heute? Heute weine ich. Heute erlaube ich mir panische Angst um diesen Klienten. Heute hadere ich damit, dass ich nicht weiß, was ich tun kann, um das Schicksal dieses Wesens zu ändern. Heute hasse ich Eltern, die ihre Kinder so kaputt machen. Morgen habe ich wieder Verständnis für deren Schmerz. Morgen habe ich wieder Respekt für alle und jeden. Morgen mache ich mir wieder klar, was mein Job ist und was nicht.

Aber heute, ey, fick dich, Professionalität!

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