Prepare, survive, recover, prepare better. Warum ich arbeite, wie ich arbeite

Als ich das erste Mal auf ein Opfer häuslicher Gewalt traf und mir dessen bewusst war, hat es mich fast umgehauen. Ich hatte Pädagogik studiert und mich im Rahmen des Studiums mit Gewalt aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt. Zunächst mit den gesundheitlichen Folgen wie Anorexie oder multipler Persönlichkeitsstörung, die Kinder entwickeln, um die schlimmsten Formen von Gewalt zu ertragen. Dann mit diesen Formen von Gewalt selbst: sexueller Missbrauch, rituelle Gewaltanwendungen, Mütter, die zulassen, dass ihre Töchter versklavt und verkauft werden, damit sie selbst in Ruhe gelassen werden. Ich hatte alles gelesen. Ich habe ein Praktikum in einem Frauenhaus absolviert (und erinnere mich an die Frustration, dass Frauen zurück zu ihren gewalttätigen Männern gehen, ebenso lebendig wie an die Illusion hierarchiefreier Arbeit im Frauen-Bereich – aber das ist ein anderes Thema). Ich habe mein Studium abgebrochen um Selbstverteidigungs-Lehrerin zu werden, weil ich in der Prävention arbeiten wollte statt mit Opfern. Ich wusste, was los ist in der Welt, und ich war trotzdem total unvorbereitet.

Mein Sohn war noch klein, und unser Au-Pair Mädchen kam von ihrem Sprachkurs nach Hause. Sie erzählte von einer Klassenkameradin, die immer Sonnenbrille und viel Make-up trug und sie befürchtete, dass diese Klassenkameradin in einer Gewaltsituation lebte. Sollte sie sich einmischen? Wir haben verschiedene Möglichkeiten durchgesprochen zu helfen, ohne dass sie sich selbst in Gefahr brachte, und ich habe meine Unterstützung angeboten, sollte diese gewollt sein.

Ein paar Tage später stand in meinem Flur eine wunderschöne, junge Osteuropäerin, hochgewachsen, stolz. Definitiv niemand aus der Kategorie ‚Opfer‘. Bis sie ihre Sonnenbrille abnahm und ein frisches blaues Auge enthüllte. Ihr Ehemann verprügelte sie regelmäßig und sie brauchte Hilfe, um ihn zu verlassen, denn ihr Aufenthaltsstatus hing an ihrem Status als Ehefrau eines Deutschen. Im Laufe der Unterhaltung zog sie ihre Jeans herunter und man konnte genau sehen, wo er sie getreten hatte. Ich werde dieses Bild niemals vergessen. Irgendwie war das noch schlimmer als das blaue Auge, weil dieser verbleichende Fußabdruck bewies, dass die Gewalt regelmäßig war, nicht nur ein unkontrollierter Wutausbruch (was schlimm genug gewesen wäre). Dieser Mann behandelte seine Frau wie Dreck, weil sie von ihm abhängig war. Ihr dagegen war es erlaubt, als sein Besitz in meinem Land zu leben, doch sobald sie ihn verlassen würde, drohte ihr die Abschiebung. Und das, obwohl er der Täter war.

Vor ihr lag damals ein langer, harter Weg. Am Ende hat sie eine neue Heimat gefunden, studiert und eine neue Familie gegründet, wohingegen ihr mittlerweile Ex-Mann wegen Vergewaltigung und Körperverletzung ins Gefängnis ging.

Für mich war das eine Lektion in Leben, Überleben und Heilen.

6 Dinge, die ich auf dem Weg gelernt habe

Wie blind wir sind wegen der Art, wie wir leben. Jeder hält das für normal, was er jeden Tag erlebt. Irgendwann habe ich sie gefragt: „Warum gehst du nicht einfach zurück nach Hause? Wenn mein Mann mich verkloppen würde, würde ich direkt zu meiner Mutter laufen“. Ich musste verstehen, dass es Länder gibt – gleich nebenan, nicht irgendwo auf einem weit entfernten Subkontinent – in denen geschiedene Frauen oder Opfer von Vergewaltigungen keine Chance haben, als respektable Frauen wieder Fuß in der Gesellschaft zu fassen. Und dass das, was mir helfen würde, nicht notwendigerweise das Richtige für alle anderen ist.

Wie wichtig es ist, muttersprachliche Berater zu haben. Sie konnte mir von den Vergewaltigungen nicht erzählen, schlicht und ergreifend, weil sie die Worte dafür nicht kannte. Es war unglaublich wichtig, einen Berater zu finden, mit dem sie in ihrer Sprache über die Nuancen ihrer Erfahrung und ihrer Gefühle sprechen konnte. Ich habe daraufhin angefangen die Sprachen meiner Klienten zu lernen. Nicht, weil ich nicht denke, dass die bitteschön die Sprache des Landes lernen sollen, in dem sie leben (natürlich sollten sie das), oder damit ich 12 verschiedene Sprachen gut genug beherrsche um darin Menschen zu beraten (das tue ich nicht). Sondern um meine Solidarität zu zeigen. Außerdem hält Sprachen lernen das Gehirn fit.

Dass jeder ein Opfer von Gewalt werden kann. Ja, es gibt Menschen, die wiederholt Opfer werden. Und es gibt bestimmte Signale, nach denen Täter suchen. Aber es gibt keine Garantie, dass dir oder mir niemals etwas passiert. Der einzige Fehler, den diese Frau gemacht hat, war es, dem Mann, den sie liebte, zu vertrauen und mit ihm in sein Land zu gehen. Wo sie niemanden kannte außer seiner Mutter, die ihren Sohn bedingungslos unterstützt hat und die Frau, die ihn der Körperverletzung bezichtigte, als Schlampe und als Hure bezeichnete statt ihr zu helfen. Was wäre gewesen, wenn unser Au-Pair damals nicht hingeschaut hätte?

Dass du alles überstehen kannst, wenn du dich weigerst, dich von jemandem brechen zu lassen. Er hat sie geschlagen. Er hat sie vergewaltigt. Er hat sie beschimpft. Er hat sie eingesperrt. Er hat sie getreten. Aber er hat es nicht geschafft, ihren Willen oder ihre Würde zu zerstören. Er hat es nicht einmal geschafft, ihr Vertrauen in andere Menschen zu zerstören.

Dass du Hilfe brauchst, kluge Hilfe. Sie hat ihren Willen und ihre Würde auch deshalb aufrechterhalten können, weil sie großartige Menschen um sich hatte. Zuallererst natürlich unser Au-Pair, das mutig genug war hinzuschauen und ihre Hilfe anzubieten. Ich, die sich mit dem deutschen Hilfesystem auskannte und wusste, wohin wir uns wenden mussten. Ein Berater, ein Anwalt und Polizisten, sogar ein Richter, die alle total klar waren in Bezug darauf, wer das Opfer war und wer der Täter. Niemand hat jemals angedeutet, sie hätte eventuell Mitschuld, weil sie überhaupt in diese Situation geraten war oder ihren Mann provoziert hätte oder was sonst so von Idioten über Frauen gesagt wird, die vergewaltigt oder Opfer häuslicher Gewalt werden.

Dass du manche Kompetenzen im Leben erwirbst in der Hoffnung, dass du sie niemals brauchen wirst. Selbstverteidigung ist definitiv meine Nummer Eins auf dieser Liste.

Der 25. November ist der Internationale Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen. Laut Vereinten Nationen ist Gewalt gegen Frauen noch immer die häufigste Menschenrechtsverletzung der Welt. Manchmal ist das wichtigste, was jemand tun kann, die Geschichte zu glauben. #MeToo

Brauchst du Hilfe? Das Hilfetelefon erreichst du rund um die Uhr:

Kostenlos und rund um die Uhr: Hilfetelefon 08000 116 016

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