One day, baby, we’ll be old

Eine beliebte Frage im Coaching lautet: Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nur noch ein Jahr zu leben hättest?

Der Sinn dieser Frage ist, dass der Coachee, also die gecoachte Person, sich überlegen soll, welche Dinge im Leben so wichtig sind, dass sie in den letzten 12 Monaten noch gemacht werden würden. Vor allem Menschen, die sich überfordert fühlen oder nicht entscheiden können, sollen so herausfinden können, was sie tun oder auch nicht mehr tun wollen. Man kann den Druck hinter der Frage beliebig erhöhen: Was wäre, wenn du noch 6 Monate hättest? Eine Woche? Einen Tag?

Ich konnte mit dieser Art Fragen nie etwas anfangen. Zum einen denke ich, dass niemand von uns wirklich weiß, was er dann tun würde. Zum anderen ist für mich die naheliegendste Antwort immer gewesen: Heulend und zähneklappernd unter der Bettdecke liegen oder mich in Rotwein ertränken. Und selbst, wenn man dann weiß, was man machen würde: Es kann nun einmal nicht jeder von uns Reiseblogger werden, irgendjemand muss auch den Boarding Pass kontrollieren. Und nur, weil ich den letzten Tag mit Mann und Kind verbringen würde, heißt das doch nicht, dass Hausfrau und Mutter der Job meines Lebens ist.

Natürlich helfen solche hypothetischen Fragen vielen Menschen trotzdem. Sie haben ihren Platz im Handwerkskoffer des Coaches, und auch ich setze sie ein. Sie geben Gelegenheit, in geschütztem Setting über die eigenen Prioritäten zu reflektieren. Wär ja schon doof, wenn wir alle auf die Krebsdiagnose warten müssten, um zu merken, wer oder was uns wichtig ist. Aber wenn es darum geht, auf die Überlegungen auch Taten folgen zu lassen, geht kein Lehrmeister über das wahre Leben. Und das Leben hat mir in diesem Jahr eine total coole, neumodische Möglichkeit der zeitlichen Restriktion beschert:

Vollzeitarbeit.

Nun ist es nicht so, dass ich noch nie Vollzeit gearbeitet habe. Aber tatsächlich habe ich noch nie so viele Stunden für die Firma von jemand anders gearbeitet. Und das ist einfach etwas Anderes als selbständig zu sein. Und ich habe noch Glück, mein Job macht mir Spaß. Aber er zwingt mich eben doch, mir zu überlegen, welche Themen ich in meiner freien Zeit noch beackern kann und welche nicht. Und welche Themen ich eigentlich gern in meinem Beruf bearbeiten würde aber gerade nicht kann. Oder doch? Man muss ja auch nicht alles immer gleich zum Beruf machen. Was soll eigentlich aus meinem Blog werden, wenn ich jetzt gar nicht mehr BWL unterrichte?

Meine Studierenden haben hin und wieder schon einen Blick auf meine größte Passion werfen können, die ich bisher meist ‚mein perverses Hobby‘ genannt habe. Zum Beispiel, wenn ich in Sportmanagement Dokus über Katastrophen in Stadien zeige oder in Personalwesen die Frage diskutiere, ob Depressive eine Chance haben sollten, als Piloten zu arbeiten. Oder mich oute als jemand, der alle Folgen Mayday – Alarm im Cockpit gesehen hat.

Neulich hat mich eine Kollegin gefragt, ob ich auch Aluhüte trage. Aber ich bin weder morbide veranlagt noch paranoider als andere. Ich finde es einfach aus Management-Perspektive mega-spannend, wie Prozesse, Strukturen und menschliches Verhalten zusammenspielen müssen, damit aus einer Panne eine Katastrophe wird. Denn fast nie geht nur eine Sache schief. Es kommen nahezu immer mehrere Fehler zusammen. Es reicht nicht, dass ein Ingenieur eine Software entwickelt, die Daten manipulieren kann. Es braucht auch jemanden, der zu ihm sagt: Geile Idee, die bauen wir in unsere Autos! Und es braucht jemanden, der die Kosten dafür absegnet. Und, und, und. Und dann braucht es natürlich noch Kunden, die aufhören, das Produkt zu kaufen, damit es für das Unternehmen zur Katastrophe wird. Bis dahin ist das alles nur lästig.

Alles auf Anfang

Wann also wird aus einer Krise eine Katastrophe? Welche Möglichkeiten haben wir, in diesen Prozess steuernd einzugreifen? Kann man schon das Entstehen der Krise verhindern? Welche Rolle spielt dabei die Compliance? Was können wir aus Katastrophen lernen? Und wie vor allem, wenn wir Katastrophen nicht zu Studienzwecken auslösen wollen?

So viele spannende Fragen rund um Krisen und Katastrophen! Nach vielen Jahren, in denen ich generalistisch unterwegs war, BWL, Führung und alle möglichen angrenzenden Fächer unterrichtet habe, hat sich endlich, endlich das eine Thema herausgeschält, das mich wirklich interessiert. Und das mich auf die eine oder andere Art mein Leben lang schon begleitet. Es ist das Richtige für eine Generalistin wie mich, weil Katastrophen in Unternehmen und für Einzelpersonen sich aus vielen Einzelaspekten zusammensetzen, die alle miteinander verwoben sind, und alle Funktionen im Unternehmen betreffen können: Führung, Produktion, Marketing, Personal, Finanzen, Forschung & Entwicklung, einfach jeden Bereich.

Ich werde diesen Blog also umwidmen und statt über BWL im Allgemeinen künftig über Krisenmanagement im Besonderen schreiben. Und ich stehe wieder als Coach zur Verfügung. Und nächstes Jahr schaffe ich es hoffentlich endlich, mal ein ordentliches PhD-Proposal zu verfassen, damit meine Promotion in diesem Jahrhundert noch was wird.

Ich freue mich, wenn ihr mir auf diesem Weg weiter folgt. Allen, die das nicht vorhaben: Danke für eure Treue in den letzten Jahren, es war schön mit euch! Allen anderen: Cool, dass ihr weiter dabei seid! Lasst mich wissen, was euch am Thema Krisenmanagement ganz besonders interessiert und welche Infos euch persönlich helfen würden.

Bis dahin, passt auf euch auf

Eure Natalie

Bild: http://www.greenpeace.de/presse/freianzeigen/wattenmeer-2

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