Gute Quellen, schlechte Quellen

Ach ja, die Literatur und ihre Bedeutung. Meine Lieben, manchmal lese ich Hausarbeiten, da bin ich mit überhaupt gar nichts zufrieden, es ist eigentlich tragisch.

Manchmal bekomme ich Hausarbeiten, die auf insgesamt 3 Quellen beruhen (ja, das ist zu wenig, egal was dein Thema ist). Oder auf 27, von denen dann 26 Zeitungsartikel sind. Was zumindest theoretisch denkbar wäre, wenn man eine Medienanalyse durchführt. Das tun meine Studierenden aber quasi… nie. Es kommt zwar vor, dass Studierende auch in Hausarbeiten andere Methoden nutzen als nur die Literaturrecherche, und ich schätze das auch sehr. Aber meistens reicht für empirische Arbeiten eben doch die Zeit nicht. Und im Übrigen würde auch eine empirische Arbeit natürlich mit einer Einordnung in die bestehende Literatur beginnen, und da liegt für viele schon der Hase im Pfeffer.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Studierenden sich keine Mühe geben. Aber wir wissen auch alle, was „Er bemühte sich“ im Arbeitszeugnis bedeutet. Es bedeutet eben: versucht und nicht gekonnt. Was also sind die Fallen bei der Literatursuche?

„Zu meinem Thema gibt es keine Literatur“

Ich nehme mal an, dass du nicht gerade dabei bist, eine vollständig neue Konzeption für eine Theorie der Entstehung des Universums zu erarbeiten. Nein? Dann gibt es auch Literatur zu deinem Thema! Und selbst wenn du eine neue, revolutionäre Theorie erarbeiten würdest: Dann müsstest du zunächst einmal darstellen, wo sich die anderen alle irren und warum wir jetzt deine neue Theorie brauchen. Also kannst du all die Werke deiner unnützen Kollegen diskutieren. Bitteschön.

Du hast gerade angefangen mit deiner wissenschaftlichen Laufbahn und schreibst eine Hausarbeit. Vermutlich in einem Fach, das jemand unterrichtet, der das studiert oder zumindest in dem Bereich gearbeitet hat. Glaubst du echt, dass ausgerechnet dir ein Thema einfällt, das so neu und extraordinär ist, dass sich noch nie jemand damit beschäftigt hat? Falls das wirklich mal der Fall sein sollte, machst du folgendes: Ordne dein Thema in die bestehende Forschung ein. Zeig mir die Forschungslücke, die dein Thema schließt. Das solltest du immer tun, aber bei Hausarbeiten wird dieser Aspekt gern vernachlässigt. Wenn es zu deinem Thema keine oder nur sehr wenig Literatur gibt, hast du allerdings keine andere Option als genau diese Anforderung zu bedienen. Oder dir ein anderes Thema zu suchen.

Wenn es dir schwerfällt, Literatur zu finden, liegt das häufig an einer fehlenden Klarheit über die Ziele deiner Arbeit. Wende dich noch einmal deinen Forschungsfragen zu: Welche Schlagworte solltest du in der Literatursuche benutzen? Welche anderen Begriffe könnten Autoren benutzt haben, auf die du noch nicht gekommen bist? Wie heißen diese Begriffe in anderen Sprachen? Welche Annahmen hast du vorausgesetzt bei deiner Thematik, die du hinterfragen solltest, und zu denen es dann vielleicht mehr Literatur gibt?

Was Studierende aber eigentlich oft meinen, wenn sie sagen, dass es zu ihrem Thema keine Literatur gibt, ist: „Google findet nichts auf Deutsch, auf das ich kostenlos zugreifen kann“. Und da, meine lieben Schreiberlinge, kommen wir zu des Pudels Kern für heute. Welche Quellen kann ich benutzen und welche nicht?

Ich mach meine Studierenden gern unglücklich, weil ich, anders als manche Kollegen, keine Quelle kategorisch ausschließe. Alles hat seinen Platz, auch populärwissenschaftliche Arbeiten, Zeitungsartikel oder eigene Erfahrungen. Es kommt halt auf dein Thema und die genaue Fragestellung an sowie auf deine gewählte Methode. Aber der Satz: „Zu einem sehr aktuellen Thema können Zeitungsartikel sinnvoll sein“ bedeutet nicht: „Auf wissenschaftliche Literatur kannst du dann verzichten“! Man muss schon wissen, was man tut. Das erste, was ihr lesen solltet, ist deshalb ein Buch oder ein Artikel zu Forschungsmethoden / Literaturrecherche. Und dann begebt ihr euch in die Bibliothek, denn dank der rückständigen Digitalisierungsstrategie der meisten deutschen Hochschulen, findet Google euch vermutlich wirklich nicht so viel.

Wenn wir jetzt mal von deinen speziellen Bedürfnissen absehen, gibt es natürlich Quellen, die grundsätzlich besser oder schlechter geeignet sind. Kommen wir zu den guten und schlechten Quellen.

Gute Quellen

  • Lehrbücher: Lehrbücher sind gut geeignet, um sich einen Überblick über dein Themengebiet zu verschaffen. Gerade die ersten Hausarbeiten werden zu einem großen Teil auf Lehrbüchern aufbauen. Für eine tiefer gehende Literaturdiskussion erweisen sich Lehrbücher aber schnell als ungeeignet. Ein Grund ist der lange Zeitraum, bis ein Lehrbuch erscheint. Viele Bücher sind im Moment der Veröffentlichung bereits veraltet. Journale sind deutlich aktuellere Quellen. Außerdem sind die Inhalte in Lehrbüchern schon sehr verdichtet und vom Autor interpretiert worden. Es kann sehr schwer sein, ein Lehrbuch indirekt zu zitieren, weil man eigentlich nichts weglassen kann, ohne den Sinn zu zerstören. Ein gutes Lehrbuch gibt seine Quellen an, und du solltest dir bald angewöhnen, diese Originalquellen zu lesen und aus ihnen zu zitieren. Wer weiß? Vielleicht interpretierst du den Text ganz anders als der Lehrbuchautor?
  • Artikel aus wissenschaftlich akzeptierten Journalen: Diese sollten den Schwerpunkt deiner Literaturdarstellung bilden. Sie sind aktueller als Bücher und stammen meist von renommierten Forschern ihres Fachs. Das ist zwar gleichzeitig ein bisschen das Problem: Denn veröffentlicht wird in diesen Magazinen oft nur, wer den Meinungsmainstream bedient. Aber am Anfang des Studiums ist das noch in Ordnung. Du wirst dir über die Zeit einen eigenen Ansatz erarbeiten. Es gibt Fachmagazine für die abgefahrensten Themengebiete. Und es lohnt sich oft, auch mal Magazine aus anderen Fachrichtungen einzubeziehen. Neue Erkenntnisse entstehen oft gerade an den Schnittstellen zu anderen Denkweisen. International renommiert bedeutet häufig, dass auch deutsche Forscher auf Englisch publizieren. Daher solltest du deine Literatursuche immer auch auf Englisch durchführen. Und wenn du andere Sprachen sicher verstehst, nutze auch die!
  • Veröffentlichte Studien: Auch außerhalb der erwähnten Journale werden Studien veröffentlicht. Außeruniversitäre und universitäre Forschungseinrichtungen, Unternehmensberatungen, Unternehmen und freie Wissenschaftler führen Studien durch und stellen diese, z.T. gegen Entgelt zur Verfügung. Es ist unabdingbar, dass du bei Studien aller Art darauf achtest, wer sie finanziert hat und welches Interesse diese Person(engruppe) möglicherweise an den Ergebnissen hat! Natürlich werden alle Personalberater herausfinden, dass Personalarbeit den Unternehmenserfolg erhöht. Können sie den Zusammenhang messen? Belegen? In harten Fakten, wie Gewinnsteigerung, ausdrücken? Wie ist das Ergebnis zustande gekommen, welche Forschungsmethoden wurden verwendet? Werden mögliche Interessenskonflikte der Autoren klar benannt, damit sich der Leser ein Urteil bilden kann?
  • Zeitungsartikel, Fallstudien, Erfahrungsberichte etc.: Bei sehr aktuellen Themen oder zur Bearbeitung einer speziellen Teilfrage deiner Arbeit ist fast alles erlaubt. Bewahre die kritische Distanz, ordne das Gelesene in den Kontext der wissenschaftlichen Literatur ein. Sei sicher, dass dieser Artikel, dieses Youtube-Video, dieses Interview deine Arbeit voranbringt und nicht als Ersatz für wissenschaftliche Literatur dient.

Schlechte Quellen

  • Was du schon weißt: Da hat man jetzt das ganze Semester gelernt und dann interessiert es niemanden, was man alles weiß. In der Hausarbeit geht es nur darum, woher du etwas weißt. Das kann frustrierend sein, vor allem, wenn man wirklich einigermaßen schlau ist und viel über sein Thema weiß. Aber: eine Hausarbeit dient nicht dazu zu zeigen, was du schon weißt. Das Ziel einer Hausarbeit ist, dass du hinterher schlauer bist als vorher. Dass du also etwas Neues erfährst, und zwar durch deine eigene Forschung. Deshalb wird mir immer ganz elend, wenn Studierende schon ganz am Anfang sagen: „Und dann schreib ich das und dann das und dann das“. Dann weiß ich schon: Das wird lahm. Wer vorher schon weiß, was er hinterher schreibt, der forscht doch nicht mehr. Der sucht sich höchstens noch ein paar Quellen zusammen, die seine Meinung bestätigen, und das war’s. LANGWEILIG!!! Und schlechtes wissenschaftliches Arbeiten ist es noch dazu. Sei neugierig! Erlaube dir, dich selbst zu widerlegen. Dann macht Literaturrecherche auch Spaß.
  • Wikipedia: Ja, benutze Wikipedia! Einige Artikel dort sind wirklich gut, man kann sich schnell in ein Thema einlesen, verwandte Konzepte nachschlagen, Ideen für die Schlagwortsuche generieren. Aber zitiere Wikipedia gefälligst nicht in deiner Hausarbeit!!! Außer natürlich, es geht in deiner Arbeit um Wikipedia. Der Vorteil von Wikipedia ist, dass die guten Artikel ihre Quellen angeben. Wenn du also mal so gar keine Idee hast, wo du mit deiner Recherche anfangen sollst, lies die Quellen nach, die die Autoren des entsprechenden Wikipedia-Eintrags benutzt haben. Und dann zitiere aus der Originalquelle!
  • Der Onkel des Vaters meiner Freundin, der mal bei dem Unternehmen gearbeitet hat, das vielleicht ein ähnliches Problem hat wie das, das ich fast auch untersucht hätte: Hörensagen hat in deiner Arbeit nichts zu suchen. Natürlich kannst du Interviews oder jede andere Art von Primärforschung durchführen, wenn du das für sinnvoll hältst und zeitlich hinkriegst. Aber dann methodisch sauber.
  • Meine Seminarfolien: Oder die von jemand anders, was ich besonders spaßig finde. „Unterrichtsfolien von Prof. Dr. Sowieso, Uni Daundda aus dem Sommersemester 2013, S. 426“. Mach es einfach nicht. Wir unterrichten die Konzepte von anderen Leuten, benutz deren Schriften für deine Arbeit. Oder benutz meinetwegen meine Schriften, aber dann nimm meine Arbeiten, nicht meine Skripte. Und schreib meinen Namen richtig! Ich heiße weder Nadine noch Nathalie oder Frau Jung, und ich bin auch (noch) nicht Professorin.

Deine Hausarbeit steht und fällt mit deiner Literaturauswahl. Die Qualität der Quellen ist wichtiger als die Zahl deiner Quellen. Aber sei nicht zu weich mit dir selbst. Wenn es 1 km Regalwand zu einem Thema gibt, dann musst du mir daraus eine solide Auswahl an Meinungen vorstellen.

Deine kritische Darstellung des Forschungsstandes ist wichtiger als deine Meinung dazu. Hinterfrage, was du weißt, und bilde dir eine Meinung, basierend auf deiner Arbeit. Und schreibe nicht eine Arbeit, die die Meinung bestätigt, die du schon hast. Denn ganz ehrlich: das sind die langweiligsten Arbeiten, die ich zu lesen kriege, und es nervt. Mach mich als Leserin glücklich, dann macht meine Benotung dich glücklich!

Kleine Auswahl von Journalen für Management-Studierende:

Harvard Business Manager, deutsche Ausgabe der Harvard Business Review

OrganisationsEntwicklung, Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Change Management

Journal of Business Research

Journal of Business Ethics

Journal of Organizational Bahviour

Journal of Personnel Psychology

 

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