Wie kriege ich mein Hausarbeitsthema in den Griff?

Dieser Tage bekomme ich wieder reichlich Emails von meinen Studierenden, die ungefähr so lauten: „Ich schreibe über das und das. Ich habe meine Gliederung jetzt fertig, aber ich weiß nicht, wie ich das Thema angehen soll.“

Und ich möchte dann zurückschreiben: „Wenn deine Gliederung schon steht, hast du den schlimmsten Teil doch längst fertig.“ Aber das ist eben genau der Punkt. Oftmals machen wir den dritten Schritt vor dem ersten. Bei vielen Angelegenheiten ist das auch völlig egal. Ob du zum Beispiel erst alles zum Thema liest, dann eine Woche darüber nachdenkst und dann deine Arbeit in drei Tagen runterschreibst; oder ob du zu denen gehörst, die parallel zum Lesen die Arbeit schreiben, spielt überhaupt keine Rolle. Finde die Arbeitsweise, die für dich funktioniert.

Aber schreib niemals, niemals, niemals die Gliederung, bevor du weißt, was du herausfinden willst! Nein. Tu es nicht, lass es sein.

Wenn du so vorgehst, schreibst du wahrscheinlich entweder eine mittelmäßige Arbeit, weil du deinen Inhalt an deine Gliederung anpasst statt andersrum. Oder du schreibst die Gliederung auf halber Strecke nochmal neu. Was nicht schlimm ist, ein bisschen anpassen tut man die Gliederung fast immer, während man schreibt.

Dein Thema ist an diesem Punkt entweder ein grobes Themengebiet, z.B. ‚Führung‘, oder schon etwas konkreter geworden, z.B. ‚Führung im Generationenvergleich‘. Vielleicht hast du es auch als Frage formuliert, sowas wie ‚Wie verändert sich die Führung durch die Generation Y?‘. Auf jeden Fall ist das Thema noch viel zu groß, um einfach mal drauflos schreiben zu können. Und es kann ja auch sein, dass du noch gar keine Vorstellung davon hast, wie dein Thema innerhalb der Wissenschaft eingeordnet werden kann und was auf jeden Fall in deine Arbeit gehört.

Als ich mitten in der Master-Arbeit die totale Sinnkrise hatte, weil ich gern eine theoretische Arbeit schreiben wollte, während mein Betreuer fand, dass Wissenschaft ohne Anwendbarkeit Zeitverschwendung ist und ich unbedingt empirisch arbeiten solle, bekam ich von ihm folgenden Text geschickt, der mir den Kopf geradegerückt hat und es mir ermöglichte, meine Vorliebe fürs Darüber-Nachdenken umzuwandeln in Etwas-draus-machen. Und er liefert eine Blaupause für das Erstellen von Forschungsarbeiten in der Managementlehre. Der Text geht so:

Ich mag diesen Ansatz, weil er mich nicht nur daran erinnert, handwerklich ordentlich zu arbeiten, sondern auch an den Nutzen zu denken, den meine Arbeit haben kann, wenn ich sie ordentlich mache. Ich bin keine Medizinerin, ich rette keine Leben. Aber ich kann einen Beitrag leisten zu guten Entscheidungen. Cool, oder?

Was machen wir jetzt damit? Wir drehen wir den Text um und arbeiten uns von unten nach oben.

Die Forschungsfrage

Zunächst formulierst du deine Forschungsfrage. Sie steckt in deinem Thema. Vielleicht hast du das Thema schon als Frage formuliert. Oder es ist noch ganz allgemein. Frag dich jetzt: Welche Fragen habe ich zu dem Thema? Ich empfehle für Hausarbeiten 3-5 Forschungsfragen aus dem Thema abzuleiten. Beim Thema ‚Frauenquote‘ könnte das beispielsweise sein:

  1. Was ist die Frauenquote?
  2. Welche Probleme soll sie lösen?
  3. Wo gibt es eine Frauenquote bereits und wie wird sie dort umgesetzt?
  4. Welche Ergebnisse hat die Frauenquote dort gebracht, wo es sie gibt?
  5. Was können Unternehmen tun, um die Frauenquote zu erfüllen?

Man kann aber auch fragen: Führt die Frauenquote zu Diskriminierung von Männern? Entstehen dadurch Konflikte in den Unternehmen? Wie wirken die sich auf die Produktivität aus? Lohnt sich die Frauenquote für Unternehmen finanziell? Und so weiter, und so weiter.

Es gibt nicht die richtigen Fragen. Sei kreativ! Stell nicht nur die offensichtlichen, über die jedes Semester jemand schreibt. Dreh das Thema mal durch den Wolf. Hab Spaß!

Nachdem du jetzt Ideen gesammelt hast, verfeinerst du dein Thema und wählst deine Leitfrage / Problemstellung aus. Die solltest du im Rahmen deiner Arbeit beantworten. Beispiel: Lohnt es sich wirtschaftlich für das Unternehmen XY, ein Frauenförderungsprogramm einzuführen? Voilá, eine Forschungsfrage.

Sie ist dein Licht im Dunkeln. Immer, wenn du während der Literatur-Recherche oder der empirischen Forschungsphase denkst: „Ach guck mal an, das ist ja auch interessant!“, guckst du auf deine Forschungsfrage und prüfst, ob dieser interessante Aspekt dir hilft, deine Frage zu beantworten. Wenn ja: Schön, schreib drüber. Wenn nicht: Artikel abspeichern zum Lesen nach Abgabe der Arbeit.

Fun Fact: Niemand hat jemals nach Abgabe seiner Arbeit all die Artikel und Bücher gelesen, die er während der Literatur-Recherche auf den ‚später lesen‘-Stapel gelegt hat.

Ziele

Die anderen Fragen, die du formuliert hast, werden nicht ignoriert. Sie helfen dir, aus deiner Problemstellung Ziele für deine Arbeit abzuleiten. Ansatz: Was muss ich tun, um meine Forschungsfrage beantworten zu können? Bei einer Literaturarbeit kann man oft genau die 3-5 Unterfragen von oben als Ziele übernehmen, eventuell noch etwas angepasst an die genaue Forschungsfrage.

Bei einer empirischen Arbeit helfen dir die Ziele, schon mal einzuschätzen, welche Fragen du mit Hilfe der Literatur beantworten kannst (‚Was ist Ambush Marketing?‘) und für welche Fragen du eigene Forschung anstellen musst (‚Wie wirkt sich das Ambush Marketing der Firma XY auf die Markenbekanntheit im Raum Hamburg aus?‘).

Ziele für die Arbeit zur Frauenquote können sein:

  • Stand der wissenschaftlichen Diskussion zur Frauenquote in Unternehmen darstellen
  • Vorhandene Frauenförderprogramme der 30 DAX-Unternehmen analysieren: Form, Kosten, Ergebnis
  • Vergleich der wirtschaftlichen Ergiebigkeitsziele der 30 DAX-Unternehmen in Abhängigkeit von der Frauenquote
  • Empfehlungen für Unternehmen XY ableiten

Achte darauf, SMARTe Ziele zu formulieren, soweit das möglich ist. Sei vor allem realistisch. Du hast nur begrenzte Zeit zur Verfügung, und diese wahrscheinlich auch nicht zu hundert Prozent. Du hast Uni, jobbst vielleicht, möchtest deine Freunde mal sehen. Meiner Erfahrung nach wollen die Studierenden eher zu viel in eine Arbeit packen. Dass mal jemand kommt und wirklich ein Thema hat, das so spezifisch ist, dass ich sage: „Nee, damit kriegst du nie 20 Seiten voll, mach das mal allgemeiner“, das passiert einmal alle drei Semester.

Das Gegenteil ist weitaus verbreiteter: Die Studierenden haben Angst, dass sie keine Literatur finden oder aus anderen Gründen die Seiten nicht vollkriegen, und nehmen sich deshalb viel zu viel vor. Dann hat man am Ende so Arbeiten, in denen jedes Kapitel anderthalb Seiten lang ist und nichts wirklich in der Tiefe diskutiert worden ist. Schade um die Mühe!

Methoden

Wenn du weißt, welche Ziele du erreichen und welche Fragen du beantworten willst, dann, und erst dann, legst du deine Forschungsmethoden(n) fest. Bei einer Literaturarbeit ist das einigermaßen witzlos. Obwohl man sich intensiv damit beschäftigen kann, wie man eine Literatur-Analyse durchführt, und du dich damit auch irgendwann im Laufe deiner wissenschaftlichen Laufbahn mal beschäftigen solltest. Es wird die Qualität deiner Arbeiten sehr erhöhen. Wenn du nicht zufällig Literaturwissenschaft studierst, ist das aber nicht dein erstes Interesse. Eine Darstellung der relevanten Literatur gehört auch zu einer empirischen Arbeit. Wir beschäftigen uns damit an anderer Stelle intensiver.

Aber auch alle möglichen anderen wissenschaftlichen Methoden kannst du anwenden. Immer vorausgesetzt, es ist die richtige Methode, um deine Ziele zu erreichen. Du führst kein Interview durch, bloß, weil du zufällig jemanden kennst, der irgendwie mit deinem Thema zu tun haben könnte. Wenn du ein Interview durchführst, dann weißt du genau, wozu. Und du passt bitte auch nicht deine Fragen so an, dass du das Interview doch führen kannst. Das merkt man in der Regel daran, dass es in der Arbeit keine logische Verknüpfung zwischen den einzelnen Kapiteln gibt.

Nutz die Hausarbeiten, um deine Methodenvielfalt zu erhöhen. Je besser du eine Methode anwenden kannst, desto besser werden deine Ergebnisse damit. Es wäre allerdings schade, wenn du irgendwann nur noch Umfragen durchführst, weil sie die einzige Methode sind, die du kannst.

Über welche Methode soll ich schreiben? Hinterlass deinen Wunsch in den Kommentaren.

Wenn du die richtige Methode wählst und sie richtig anwendest, dann kommst du zu guten Ergebnissen. Und diese Ergebnisse können beinhalten, dass deine Frage oder Teile davon nicht beantwortet werden können. Das ist mir wichtig. Denn wenn du dir das nicht erlaubst, wirst du anfangen, Dinge in deine Daten zu interpretieren, die da gar nicht drinstehen oder Zusammenhänge zu konstruieren, die sich nicht rechtfertigen lassen.

Versteh mich nicht falsch: Wenn deine Fragen nicht beantwortet werden können, hat es sich damit nicht erledigt. Weißt du, woran das lag? Hast du vielleicht doch nicht die richtige Methode benutzt? Hast du Anwendungsfehler gemacht, oder die Teilnehmer deiner Studie? Wie würdest du vorgehen, wenn du weiter forschen würdest? Gab es Ergebnisse, die zwar nichts mit deinem Thema zu tun haben, aber durchaus interessant sind?

Der Trick an einer guten Arbeit ist nicht, dass alles glatt läuft. Der Trick ist, dass du jederzeit wissen musst, was du tust. Und du musst mir zeigen, dass du das weißt. Und natürlich ist es noch viel toller, wenn du Ergebnisse erhältst, mit denen du Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickeln kannst.

Die Gliederung

Vermutlich gibt es an deiner Hochschule einen Leitfaden, wie Hausarbeiten aufgebaut sein sollten. Halte dich daran. Wir widmen uns den formalen Vorgaben an anderer Stelle. Hier soll es noch einmal kurz darum gehen, wie du aus deinen Fragen und Zielen eine Gliederung ableiten kannst.

Der erste Teil ist immer die Einleitung. Hier stellst du dein Thema, die Forschungsfragen und Ziele deiner Arbeit vor. Hilfreich für die Leserin ist es, wenn du hier auch schon darauf hinweist, in welchem Kapitel deiner Arbeit die Antworten auf welche Fragen zu finden sind. Daraus folgt: Die Einleitung schreibst du zum Schluss. Wobei ich meistens einen Entwurf der Einleitung schon ganz am Anfang schreibe, weil es mich zwingt, meine Fragen und Ziele auszuformulieren. Der zweite Teil der Einleitung wird dann später eingefügt.

Dann kommt der Hauptteil. Wie viele Kapitel dieser Teil hat, hängt von deinem Thema ab. Als Orientierung: Je Forschungsfrage ein Kapitel. Aber nicht zwanghaft. Arbeite mit Unterkapiteln, fasse sinnvoll zusammen. Zuerst werden die wichtigsten Begriffe definiert, dann die Literatur dargestellt.

Bei empirischen Arbeiten schreibst du bitte ein Kapitel (bzw. Unterkapitel) zu deinem methodischen Vorgehen, dann stellst du deine Ergebnisse dar. Anschließend musst du diese Ergebnisse in Zusammenhang mit der Literatur bringen und deine Fragen beantworten. Als Anfänger solltest du die Literaturdiskussion und den empirischen Teil nicht von Anfang an vermischen, weil es einige Schreib-Übung erfordert, trotzdem sauber kenntlich zu machen, welche Erkenntnisse aus der Literatur stammen und welche aus deinen Beobachtungen.

Das ist besonders wichtig bei denen, die dieselbe Frage zum Teil mit der Literatur und zum Teil mit Primärforschung beantworten. Geh nochmal zurück zu deinen Zielen und guck nach, ob du die wirklich SMART formuliert hast. Unterteil deine Frage eventuell nochmal, um das Problem zu lösen. Stell auf jeden Fall trotzdem erst die Literatur dar, dann deine eigenen Ergebnisse, und bring dann beides zusammen.

Je nach Fragestellung kann dann noch ein Kapitel mit Handlungsempfehlungen folgen, bevor du mit dem Fazit deiner Arbeit abschließt.

Viel Spaß!

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