Wie finde ich ein gutes Thema für die Hausarbeit?

Ob man gern Hausarbeiten schreibt oder nicht so gern: Es ist aufwändig. Man muss viel lesen, denken und dann alles noch in einer bestimmten Form zu Papier bringen. Und weil das so viel Arbeit ist, finde ich es wichtig, diesen Aufwand zumindest für ein Thema zu betreiben, das einen interessiert. Darum dürfen und müssen meine Studierenden das Thema für ihre Hausarbeiten innerhalb des Vorlesungs-Stoffs normalerweise selbst festlegen.

Ich mache das aber nicht nur aus Nettigkeit, sondern weil es Teil meiner Philosophie als Wissenschaftlerin ist, und ich möchte, dass meine Studierenden lernen, so zu arbeiten. Oder feststellen, dass sie einer anderen Philosophie anhängen, aber dann haben sie zumindest mal ihre Philosophie überprüft.

All good research is for me, for us, and for them(.)” Reason & Marshall, 1987

In den ersten zwei, drei, vielleicht vier Semestern, sehen Hausarbeiten oft so aus, dass einfach bestimmte Aspekte oder Modelle beschrieben werden, und das ist auch o.k., um zu üben und um die Literatur kennen zu lernen. Aber irgendwann müssen die Studierenden lernen, wie wissenschaftliches Arbeiten wirklich funktioniert, und da reicht beschreiben eben nicht aus. Wissenschaft hat einen Zweck, und der besteht nicht darin, immer und immer wiederzukäuen, was andere schon gesagt haben. Deshalb lege ich extrem großen Wert auf die Themenwahl meiner Studis. Damit ich nicht die 748. Hausarbeit über ‚Motivationstheorien‘ lesen muss, in der Maslow, Adler und Herzberg besprochen werden, aber nie jemand ihre Arbeiten zitiert. Also:

Gute Forschung ist für sie

„Sie“, das sind die anderen, die Gesellschaft oder, im Falle einer angewandten Wissenschaft wie der Managementlehre, die Organisationen, in denen unsere Ideen aufgenommen werden. Der Beginn von Wissenschaft ist der Wunsch, zu verstehen, Erklärungen zu liefern für Phänomene, die wir beobachten, oder Prognosen für die Zukunft herzuleiten. Und zwar losgelöst von konkret zu lösenden Problemen. Vielmehr geht es darum, grundlegende, allgemeine Ideen zu entwickeln, die vielleicht einfach nur interessant sind, ohne dass wir schon wissen, was wir mit dieser Information irgendwann einmal tun werden.

Motivationstheorien fallen in dieses Feld. Was motiviert Menschen, welche Erklärungsversuche gibt es dazu? Ohne Primärforschung ist es jedoch ziemlich schwer, hier wirklich neues Wissen zu erlangen. Natürlich kann man Meta-Studien durchführen, in denen man vorliegende Studien zu einem Thema miteinander vergleicht, und so kann man auch in einer reinen Literaturarbeit zu ganz neuen Erkenntnissen kommen.

Was man auf jeden Fall braucht, um zu neuen Erkenntnissen kommen zu können, ist: Überblick darüber, wie der aktuelle Wissensstand ist. Sich den zu verschaffen ist Sinn und Zweck der Literaturarbeit bzw. des Literaturteils in einer empirischen Arbeit. Wenn du also über Motivationstheorien schreiben willst, dann erklär nicht in epischer Breite Maslows Bedürfnispyramide. Schreib darüber, wer Maslow war, wie er zu seinen Erkenntnissen gekommen ist, dass er sein Modell nie wissenschaftlich beweisen konnte oder wie andere Autoren sein Modell weiterentwickelt haben. Finde den interessanten Aspekt an Maslows Ideen. Worüber hat er noch geschrieben, was sagen andere über seine Arbeit, wird sie in der Praxis eingesetzt?

Und dann brauchst du auch nicht über Maslow, Herzberg UND Adler zu schreiben, um deine Seiten voll zu kriegen. Dann kannst du eine ganze Arbeit über Maslows Bedürfnispyramide schreiben. Oder sie mit einem anderen Modell vergleichen, wenn du das gerne möchtest.

Der erste Schritt zu einem guten Thema ist also, überhaupt erstmal anzufangen zu lesen und sich einen Überblick zu verschaffen.

Gute Forschung ist für uns

Während ein Großteil der Forschenden sich traditionell vor allem an andere Wissenschaftler wendet mit seinen Arbeiten, und sich recht wenig dafür interessiert, was in der Praxis mit ihren Erkenntnissen passiert, ist die Managementlehre einigermaßen nutzlos, wenn man sie nicht in Verbindung bringt mit Organisationen und den Problemen, die dort gelöst werden müssen. Natürlich kann man abgehoben VWL machen und so tun als sei das Mathematik. Und das tun ja auch manche. Aber wir sehen in der heutigen Wirtschaft und Wirtschaftspolitik auch, wohin es führen kann, wenn Erkenntnisse nicht an der Realität gemessen werden. Da wird dann eben ein Land ausgepresst bis dort Leute sterben, nur, weil Staatsverschuldung mal von einem Ökonomen mit einer Höchstmarke versehen worden ist. Völlig egal, dass die Studie, die dem zu Grunde liegt, fehlerhaft war. Und ein Teil der Verantwortung dafür liegt bei Wissenschaftlern, die sich weigern, ihre Erkenntnisse in der Realität zu prüfen. Sie konzentrieren sich ganz auf das ‚für sie‘ und vernachlässigen das ‚für uns‘.

Gute, angewandte Forschung löst Probleme. Dort, wo sie existieren. Das bedeutet, dass wir unser methodisches Repertoire erweitern müssen. Forschung darf und muss in Unternehmen stattfinden. Oder zumindest in Zusammenarbeit. Wenn es gar nicht anders geht, weil eine Organisation kein Interesse hat oder keine Kapazität, mit uns zusammen zu arbeiten, arbeitest du mit öffentlich zugänglichen Informationen, wenn es partout diese Organisation sein soll, über die du forschen möchtest. Auch hier gilt: Es ist weniger spannend, ein Unternehmen einfach nur als ‚best practice‘ Beispiel zu benutzen (obwohl das möglich ist, um deine Argumentation zu untermauern) als tatsächlich das Problem eines Unternehmens zu bearbeiten, in dem eben nicht alles schon super läuft.

Eine zweite Möglichkeit, ein gutes Thema zu finden, ist daher, mit praktischen Fragen anzufangen: Welche Unternehmen kennst du, wo jobbst du? Welche Probleme gibt es dort? Im Zusammenhang mit Motivationstheorien könnten z.B. folgende Fragen stehen: Warum leisten einige Mitarbeiter mehr als andere? Wie kann das Unternehmen den Krankenstand reduzieren? Braucht es ein strukturiertes Führungskräfte-Entwicklungs-Programm? Etc. etc. etc.

Gute Forschung ist für mich

Hier schließt sich der Kreis. Wie ich oben bereits geschrieben habe: Ein langweiliges Thema zu bearbeiten ist genau so aufwändig wie eine Arbeit über etwas zu schreiben, das dich wirklich interessiert. Warum also nicht zuerst mal den Stoff des Semesters rekapitulieren und sich fragen: Was ist mir aufgefallen, worüber würde ich gern mehr wissen? Und wenn es nichts gab: Was hat dir denn gefehlt? Was hätten wir besprechen müssen, damit auch du etwas von der Veranstaltung gehabt hättest? Man kann auch mal ein Thema bearbeiten, das man total blöd fand und versuchen, einen anderen Ansatz dazu zu finden. Warum muss ich mich mit Motivation überhaupt beschäftigen? Sind meine Mitarbeiter nicht erwachsene Leute, von denen ich erwarten kann, dass sie ihren Job machen?!?

‚Für mich‘ kann auch analog zu ‚für uns‘ bedeuten, dass du dein eigenes Problem löst. Vielleicht fragst dich, wie du eine bessere Führungskraft werden kannst. Oder deine Vorgesetzte übergeht dich ständig, während sie gleichzeitig behauptet, unheimlich viel Wert auf deine Meinung zu legen. Eigene Probleme zu bearbeiten, wirft einige methodische Probleme auf, die sind aber lösbar.

Und schließlich geht es hier darum, was du während deiner Forschungstätigkeit lernst. Forschung klingt dir vielleicht zu abgehoben für eine Hausarbeit, aber letztlich ist es genau das. Du studierst an einer Hochschule, und das ist eine wissenschaftliche Ausbildung, egal wie hoch der Praxisbezug ist. Die Hausarbeit ist eine Möglichkeit, in kleinem Rahmen wissenschaftlich zu arbeiten. Du kannst dabei neue Themen bearbeiten, du kannst Forschungsmethoden ausprobieren, du kannst deinen Schreibstil verbessern oder dein Zeitmanagement. Du kannst grandios scheitern und selbst dabei lernst du noch etwas. Ich möchte dich deshalb ermutigen etwas mehr zu wagen. Geh nicht immer auf Nummer sicher. Such dir ein Thema, bei dem du noch keine Idee hast, wie du das umsetzen kannst, statt eines, über das du schon alles zu wissen glaubst. Lös ein Problem, das wirklich ein Problem ist, und nicht nur eins, das als Aufhänger dient, damit du zeigen kannst, wie klug du bist. Geh das Risiko ein, dass du keine Literatur findest, die genau passt. Identifiziere den Forschungsbedarf, und entwerfe eine Studie, die diesen Bedarf decken würde.

Die perfekte Arbeit deckt alle drei Bereiche ab: Sie bringt dich fachlich weiter, löst ein Problem für die Praxis und liefert noch generalisierbares Wissen dazu. Aus den genannten Gründen ist der letzte Punkt bei einer Hausarbeit eher unrealistisch, aber verliere ihn nicht ganz aus den Augen. Ordne das, was du tust, in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion ein. Aber konzentriere dich bei der Themenwahl darauf, was dich interessiert und welches Problem du lösen willst.

Viel Spaß!

Disclaimer: Ich nehme nicht für mich in Anspruch, für alle KollegInnen zu sprechen und allgemein gültige Regeln für das Schreiben von Hausarbeiten aufzustellen. Wir Lehrenden kommen aus verschiedenen wissenschaftlichen Denkrichtungen, und das spiegelt sich natürlich auch in den Anforderungen wieder, die wir an unsere Studierenden stellen. Ich bin Konstruktivistin und meine Haupt-Forschungsmethode, in der ich ausgebildet wurde, ist Participative Action Research, ein Zweig, der qualitative und quantitative Sozialforschung miteinander verbindet. Sheldon würde sich schlapp lachen. Aber wie sagt Amy dazu? „Wenn es mir gelingt, deine Denkprozesse beim Entwickeln deiner Theorie darzustellen, subsumiere ich die Quantentheorie unter meinem Paradigma.“

Quellen: 

Coghlan, D. (2001) ‚Insider Action Research Projects. Implications for Practising Managers‘Management Learning, Vol. 32(1), S. 49-60.

Reason, P. & Marshall, J. (1987) ‚Research as Personal Process‘, in D. Boud & V. Griffin (Hrsg.) Appreciating Adult Learning, S. 112-126, London: Kogan Page.

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