Durch den Advent mit BWL, Tag 24: Weihnachtsansprache

Ach komm! Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass du heute noch lernen sollst?!? Es ist Heiligabend.

Wenn du noch nicht bei deiner Familie bist, fährst du heute wahrscheinlich hin. Genieß die Zeit. Ruf noch jemanden an, den du lange nicht gesprochen hast, und wünsche dieser Person Frohe Weihnachten. Schlag dir den Bauch mit gutem Essen voll. Überweise noch eine Spende für Leute, die das heute nicht können. Freu dich über deine Geschenke, egal, was du bekommst. Jemand hat an dich gedacht, sich überlegt, was dir Freude machen würde, und liegt voll daneben? So what!

Einige von euch haben dieses Jahr vielleicht jemanden verloren und feiern heute das erste Mal ohne diese spezielle Person. Oder das fünfte Mal, und es ist immer noch hart. Ich hoffe, es ist jemand bei dir, der dir Halt gibt.

Dieses Jahr war verrückt, und die letzte Woche hat das noch einmal schmerzhaft deutlich gemacht. Man hat das Gefühl, die Welt bricht um uns herum zusammen. Dabei waren wir noch nie so reich, so gesund und so sicher. Denk daran: Der Sonnenuntergang sieht aus, als würde die Sonne hinter dem Horizont verschwinden, dabei ist es die Erde, die sich weiterdreht. Und das, was wir in den Medien sehen, ist nur ein Ausschnitt der Welt. Das ist nicht die Realität in ihrer Gesamtheit. Teile der Realität sind allerdings beängstigend, machen wütend oder traurig.

So viele große Künstler sind dieses Jahr von uns gegangen, viel Chaos und Leid wurde verursacht. Als Prince gestorben ist, habe ich drei Tage geheult. Als Alan Rickman starb, habe ich Harry Potter nochmal gelesen. Als der LKW in den Weihnachtsmarkt gefahren ist, habe ich mich mit jemandem gestritten, den ich sehr liebe, weil ich mich weigere, dafür die Bundeskanzlerin verantwortlich zu machen. Es ist leicht, sich ängstlich zu fühlen, und ich glaube, es ist auch völlig normal und in Ordnung, das zu tun. Man darf in der Verfassung nur keine wichtigen Entscheidungen treffen. Wie wählen gehen. Oder twittern. Oder jemandem sagen, dass er nicht ganz dicht ist.

Was wirklich zählt

Ich weiß nicht, wie dein ganz persönliches Jahr war. Meins war super. In meinem privaten Umfeld haben sich einige Dinge eingerenkt, beruflich habe ich ein Herzensprojekt eingestampft. Ein anderes ist in der Pipeline, mehr dazu 2017. Und nach einer totalen Sinnkrise im Frühjahr habe ich die Liebe zu meinem Job neu entdeckt. Ich weiß wieder, warum ich unterrichte. Ihr seid der Grund, meine Studenten und Studentinnen. Ihr fordert mich, vor allem nach drei Stunden BWL, wenn sich keiner mehr konzentrieren kann. Und ihr bringt mich dazu, mich immer weiter zu entwickeln. Ich hoffe, ich erkläre euch nicht nur das Fach, sondern übertrage auch ein wenig von meiner Begeisterung für gutes Management.

Wir sind für unsere Entscheidungen selbst verantwortlich. Wenn uns nicht gefällt, wie die Wirtschaft funktioniert oder wie Unternehmen geführt werden, dann können und müssen WIR das ändern. Durch unser Konsumverhalten als Kunden und dadurch, wie wir als Fach- und Führungskräfte arbeiten. Deshalb freue ich mich über jedes kritische Hinterfragen, jede zynische Bemerkung und jede Diskussion im Klassenraum. Lasst euch das nicht nehmen! Die Prüfungen sind heute mit vielen Klausuren sehr auf Abfragen von Wissen fokussiert, aber der wahre Sinn der wissenschaftlichen Ausbildung ist die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, weil du gelernt hast, ein Problem von allen Seiten zu betrachten, die notwendigen Informationen zu beschaffen und die Informationsquelle auf ihre Verlässlichkeit hin zu beurteilen.

Eine Fähigkeit, die in Unternehmen aus gutem Grund zu wenig geschätzt wird, die aber unabdingbar ist, wenn wir in dieser komplett vernetzten Welt nicht den Durchblick verlieren wollen. Deutlich wichtiger jedenfalls als ein ‚Lie‘-Button auf Facebook, der dir das Denken abnimmt.

 

Denken ist wie googeln, nur krasser.

Den Kopf eingeschaltet zu lassen, bedeutet gerade nicht, dass man alles akzeptiert, wie es ist. Es bedeutet, dass man sich den Ursachen zuwenden kann, statt an den Symptomen herumzudoktorn. Es ermöglicht uns, von den Symptomen auf die Ursachen zu schließen. Auch, wenn die Symptome laut sind und unsere Aufmerksamkeit einfordern: Lasst uns mutiger an die Ursachen gehen!

Ich wünsche uns allen glückliche und gesegnete Weihnachten.

Eure Frau Junge

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