Amortisationsrechnung – Warum kauft der Hartzer keinen Kühlschrank?

Sie haben es vielleicht gelesen: Seit einigen Monaten können sich ALG II-Empfänger einen Teil der Anschaffungskosten ersetzen lassen, wenn sie einen energiesparenden Kühlschrank kaufen. Diese Idee gehört ins Reich der ‚Energiewende‚ und beruht auf dem eigentlich sinnvollen Gedanken, dass Energiesparen nicht an Armut scheitern soll. Hat man doch mit Energie-effizienten Geräten gleich eine niedrigere Stromrechnung.

Mit einigem Erstaunen wurde nun das Ergebnis einer Anfrage der Grünen zur Kenntnis genommen: Von den 3,3 Millionen ALG II-Haushalten haben gerade mal 190 dieses Angebot in Anspruch genommen. Die Bundesumweltministerin ist trotzdem guter Dinge, dass sie ihre 16.000 Gutscheine bis Anfang 2016 noch loswird, schließlich würde sich die Anschaffung über die reduzierte Stromrechnung ‚innerhalb weniger Jahre‘ amortisieren (Kreutzfeldt, 2014).

Aha. Das wollen wir doch mal sehen. Bei der Amortisationsrechnung wird ermittelt, wie lange es dauert, bis die Investitionsauszahlung über die Rückflüsse wieder reingekommen ist. Das ist eigentlich nicht weiter schwer:

Der Ersatz des alten Kühlschranks ist eine Rationalisierungsinvestition, wir rechnen also mit Einsparungen statt mit Gewinnen, ansonsten unterscheiden sich Rationalisierungs- und Erweiterungsinvestition nicht. Achten Sie bei der Ermittlung der Rückflüsse darauf, dass Sie entweder die Abschreibungen gar nicht erst berücksichtigen (meine bevorzugte Methode, da ich eine faule Socke bin und gern Arbeitsschritte eliminiere), oder auf den Gewinn / die Einsparung wieder aufschlagen (was die für Anfänger bessere Möglichkeit ist, da Sie sich nicht angewöhnen sollen, die Abschreibungen bei den Kosten zu vernachlässigen). Der Grund ist zum einen, dass Abschreibungen keinen realen Geldfluss darstellen sondern ’nur‘ eine buchhalterische Größe, und zum anderen würden Sie sonst Ihre Investition rechnerisch doppelt bezahlen, und das wollen wir ja nicht.

Natürlich hat ein Privathaushalt keine Abschreibungen, daher arbeiten wir in unserem Kühlschrankbeispiel nur mit den Einsparungen. Diese sind dankenswerterweise schon ausgerechnet worden und werden im Projekt der Caritas mit 60-120 € jährlich angegeben.

Man kann die Amortisation über Kumulation oder als Durchschnitt berechnen (Thommen & Achleitner, 2009:700-702). Wir nehmen mal die Kumulation, weil wir im 1. Jahr den Gutschein von der ArGe berücksichtigen müssen und diese Darstellungsweise anschaulicher ist.

Rechnung:

Wir haben als Investition also einen Kühlschrank mit Effizienzklasse A+++ der unteren Preisklasse, 399 €; und als Rückflüsse einmal 150 € Erstattung und jährlich 60 – 120 € Einsparung beim Strom, macht im Schnitt 90 €. Da dieses Jahr schon halb rum ist, berücksichtigen wir im 1. Jahr nur die halbe Einsparung. Das sieht dann so aus:

  1. Jahr: 399 € – 150 € – 45 € = 204 €
  2. Jahr: 204 € – 90 € = 114 €
  3. Jahr: 114 € – 90 € = 24 €
  4. Jahr: 24 € – 90 € : amortisiert im 4. Monat

2017 hat sich also die Anschaffung amortisiert. Whoohoo! Und da laufen jetzt nicht alle ALG II-Empfänger los und kaufen Kühlschränke?!

Ich kann mich ja irren, aber für Menschen, die am finanziellen Existenzminimum von einem Tag auf den anderen leben müssen, scheint mir ein Amortisationshorizont von 3 Jahren doch reichlich lang, auch wenn das faktisch tatsächlich nur wenige Jahre sind.

Und dann haben Sie ab 2017 eine monatliche Einsparung von 7,50 € zu Ihrer Verfügung. Boah ey, davon können Sie sich genau… 1/2 Biohähnchen im Monat spendieren oder in Hamburg einmal mit einem Ihrer Kinder ins Schwimmbad gehen. Und dafür müssen Sie nur: zur Energieberatung gehen, sich einen Gutschein geben lassen (den Sie erhalten, wenn Ihr Kühlschrank mindestens 10 Jahre alt ist und das Einsparpotential mindestens 200 kWh ausmacht), 399 € auf der hohen Kante haben, schließlich den Gutschein beim Jobcenter-Mitarbeiter Ihres Vertrauens einreichen und drei Jahre warten. Wollen wir die Kosten für die Fahrt zum Elektromarkt und zum Jobcenter noch schnell in die Kosten einrechnen? Nicht? Zu kleinlich? Sehen Sie, so entstehen Rentabilitätsrechnungen, die sagen, die Elbphilharmonie lohnt sich.

Fazit:

Die Amortisationsrechnung ist eine recht einfach anzuwendende Methode, die Ihrer Kapitalbindung einen zeitlichen Horizont zuordnet, jedoch rein gar nichts über die Rentabilität, Wertveränderungen oder qualitative Aspekte der Investition aussagt. Daher sollte sie nur als Ergänzung in der Investitionsrechnung angewandt werden. Ob ich politische Entscheidungen auf ihr basieren lassen würde, lasse ich unkommentiert; das ist ja hier kein Weltverbesserungsblog sondern nur einer, der BWL verständlich machen soll.

Hinweis für Anfänger: 

In der Einführung von Thommen & Achleitner sieht die Tabelle auf S. 701 aus, als würde sich eine Investition allein über die Abschreibungen irgendwann auf jeden Fall amortisieren, selbst wenn man damit kein Geld verdient. Das ist natürlich Blödsinn. Wenn Sie keine Einnahmen haben, haben Sie immer noch Kosten mindestens in Höhe der Abschreibungen. Die Rechnung wäre dann:

  • Gewinn = Einnahmen – Ausgaben = 0 € – Abschreibungen = – Abschreibungen
  • Rückfluss = Gewinn + Abschreibungen = – Abschreibungen + Abschreibungen = 0 €

Ihre Investition würde sich also nie amortisieren, wenn Sie den Kühlschrank nur im Lager stehen hätten. Was ja auch irgendwie Sinn macht.

Literatur und Quellen:

Kreutzfeldt, M. (2014) ‚Gutschein lässt Hartz-IV-Empfänger kalt‘, taz, 13.08.2014, Seite 8.

Probst, H.-J. (2000) Controlling leicht gemacht. Wer hat angst vor schwarzen Zahlen?, Frankfurt: Ueberreuter.

Thommen, J.-P. & Achleitner, A-K. (2009) Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 6. Auflage, Wiesbaden: Gabler.

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