CSR-Preis für ‚meine‘ Studierenden

Die Hochschule Fresenius verleiht jedes Semester den CSR-Preis an Studierende, die besonderes soziales Engagement gezeigt haben. In diesem Jahr ging der Preis das erste Mal an einen kompletten Jahrgang: Die Abschlussklasse des Wintersemesters 2015/2016 des Studiengangs Mode- und Designmanagement der AMD Hamburg hat diesen Preis verdient gewonnen für ein Studien-Projekt, das sie im Rahmen des Moduls ‚Projektmanagement‘ bei mir durchgeführt hat. Ich bin ganz stolz auf die Gruppe und dankbar für die Erfahrung, die mir als Lehrkörper da vergönnt war.

Ich hasse neuen Unterricht planen!

Als ich das Modul Projektmanagement im Wintersemester 2014 übernommen habe, war mir gleich klar, dass ich es total sinnlos finde, Projektmanagement im Klassenraum zu lernen. Oder gar zu lehren! Als ich der Gruppe dann ein Charity-Projekt vorgeschlagen habe, dachte ich eine kleine Spenden-Aktion zu Weihnachten, vielleicht für die vielen Flüchtlinge oder Obdachlosen in der Stadt. Aber da hatte ich meinen Unterrichtsplan ohne die Studis gemacht! Mit klein war da nix, groß sollte es sein. Am Ende des ersten Termins stand die Idee: Ein Charity-Flohmarkt, auf dem jeder, der mag, getragene Kleidung verkaufen kann. Die Erlöse sollten gespendet werden. Dass das nicht vor Weihnachten möglich wird, war uns allen klar, aber dass daraus dann mehrere Monate harter Arbeit wurden, die weit über das Modul hinaus ging, war nicht geplant.

Projekt-basiertes Lernen scheitert häufig genau daran: An den Ressourcen. Man plant klein, damit man in 90-Minuten-Einheiten fertig wird, kein Geld ausgibt und möglichst nicht zu viel der eigenen Freizeit draufgeht. Auch dieses Projekt wäre nicht möglich gewesen ohne das überdurchschnittliche Engagement der Studierenden, einiger ihrer Freunde, der Lehrbeauftragten und natürlich auch der Hochschule, die ihre Räume und die finanziellen Mittel für notwendige Werbung zur Verfügung gestellt hat.

Wie funktioniert Projekt-basiertes Lernen?

CSR-Preis der Hochschule Fresenius für unseren Charity-Flohmarkt

Im Grunde wie jedes Projekt: Initiierung, Planung, Durchführung, Abschluss/Kontrolle. Ergänzt werden muss das Projekt zum Lernen um eine Metaphase – das sollte eigentlich zu jedem Projekt gehören, auch im Unternehmen: Was können wir aus diesem Projekt lernen? Das eine ist das Projekt, das durchgeführt werden soll, das andere die Evaluation des Gelernten. Zunächst also lege ich das Lernziel fest, praktischerweise war das im Modul Projektmanagement sehr nahe liegend: Die Studierenden sollten das Projekt nutzen, um die Projektphasen kennen zu lernen und sich Techniken für jede Projektphase anzueignen. Aus diesem Grund war auch schon die Projekt-Findung Teil des Lernprojekts. Wie schätzen die Studierenden ihre Ressourcen ein, was wissen sie schon über Veranstaltungsplanung, wie bringen sie ihre unterschiedlichen Interessen unter einen Hut? Das kann man natürlich auch schon vorher festlegen, dann hat man etwas mehr Kontrolle über den Projektablauf.

Meine Rolle als Lehrende habe ich stark auf Moderation reduziert. Das war nicht immer einfach, man sieht ja, dass die Gruppe sich verrennt. Aber wenn man zu früh eingreift, bleibt der Lerneffekt aus und man demotiviert unter Umständen die Aktiven in der Gruppe, nach dem Motto: „Wir sollten das doch selber entscheiden, und jetzt passt es Ihnen nicht, wie wir das machen?“ Gleichzeitig gilt es aber, ein Projekt fertig zu stellen. Schon vor dem Start des Projekts sollte man sich daher überlegen, ob man selbst die Projektleitung übernehmen will oder diese Aufgabe von Studierenden übernommen werden soll, und wie viel Chaos man erträgt.

Dann wird das Projekt durchgeführt, mit regelmäßigen Treffen, in denen neben dem Stand des Projekts auch das bereits Gelernte besprochen wird und geklärt wird, welches Handwerkszeug nötig ist. Dieses wird dann entweder von den Studierenden selbst erarbeitet oder von der Lehrkraft vorgestellt. Am Schluss des Projekts wird neben der Projekt-Evaluation auch noch einmal der Lernprozess thematisiert. Bei uns war das schon während des Projekts nötig, weil das Projekt länger ging als das Wintersemester. Wichtigste Erkenntnisse aus dem Projekt: Man unterschätzt den Aufwand und überschätzt die Motivation – die eigene, und die der anderen. Und die wichtigste Fähigkeit, die man für die Durchführung von Projekten braucht, ist gar nicht organisieren können, sondern Konfliktmanagement.

Als Lehrkraft ist es wichtig, dass du den Studierenden klar machst: Fehler sind normal und in Ordnung. Das ist ein Lernprojekt! Wenn ihr das schon alles könntet, würdet ihr unterrichten. Oder Projekte leiten. Und selbst dann werdet ihr immer noch Fehler machen und aneinander geraten. Das ist normal. Jedes Projekt ist einzigartig, jedes Projektteam ist anders. Den Umgang mit Frustration und Stress muss man lernen. Um so schöner, wenn dann am Ende so eine Anerkennung steht wie ein Preis! Oder glückliche Kunden.

Sinn in der Arbeit finden

In jedem Projekt kommt der Moment, in dem man alles hinschmeißen möchte. Bei uns waren die Semesterferien ein Knackpunkt. Man hatte sich eine Weile nicht gesehen, es war noch kein Tisch verkauft, in den Klausur-Noten spiegelte sich das Engagement nicht wider, die Luft war irgendwie raus. Und dann kam der Verein zu Besuch, für den das Team sich entschieden hatte zu spenden. Was für ein Erlebnis!

Kinderarbeiter in der Metallverarbeitung
Kinderarbeiter in der Metallverarbeitung

Sven vom H.E.L.G.O. e.V. hat von der Arbeit des Vereins in Kalkutta erzählt, wo Bildungsprojekte für Kinderarbeiter durchgeführt werden. Mit Leidenschaft und gesundem Pragmatismus hat Sven die jungen Leute (und mich) mitgerissen. Er hat erzählt von den Lebensbedingungen der Kinder im Molloch Kalkutta, von Kinderarbeit ohne jede Form von Unfallschutz, von den Erfolgsgeschichten, aber auch von den Dingen, die man hinnehmen muss, damit man überhaupt etwas bewegen kann, wie z.B. keine Frauen als Lehrer zu beschäftigen oder die Kinder weiter arbeiten zu lassen, solange sie daneben in die Schule gehen dürfen. Weil es nicht anders geht; weil die Familien so arm sind, dass sie ihre Kinder sonst nur zur Arbeit schicken würden und nicht in die Schule. Er hat Klartext geredet über Gummihosen aus dem SM-Fachhandel, mit denen man sich im Monsun vor Infektionen des Urogenitaltrakts schützen kann, wenn die Scheiße hüfthoch in den Straßen steht. Nix mit edler Helfer-Romantik!

Dieser Besuch hat dem einen oder der anderen sehr bewusst gemacht, wie privilegiert wir hier leben. Und dass die unternehmerischen Entscheidungen, die unsere Studierenden mal treffen werden, wenn sie im Berufsleben angekommen sind, beeinflussen können, wie die Welt aussieht. Ebenso wie unsere Konsumentscheidungen.

Womit wir wieder beim Klamotten-Recyclen waren und voller Elan an den Flohmarkt gegangen sind. 2.222 € sind so zusammen gekommen und außerdem hat die Gruppe das Preisgeld aus dem CSR-Preis an H.E.L.G.O. gespendet, damit noch mehr Kinder eine Schulausbildung erhalten. Danke!

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