Kritisch – kommt das nicht von ‚isch kritisiere‘?

Was macht die brave Lehrbeauftragte in den Semesterferien? Richtig: Hausarbeiten lesen.

Ich mag Hausarbeiten als Leistungsnachweis. Es beeindruckt mich immer wieder, zu welchen Analysen und Ideen Studierende fähig sind, wenn man Ihnen erlaubt, sich mit etwas zu beschäftigen, das sie interessiert. Wissenschaftlich sauber zu arbeiten gehört leider bei den Wenigsten dazu, und so liest man dann manchmal so Titel wie ‚Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept XY‘. Was völlig in Ordnung wäre. Wenn danach eine kritische Auseinandersetzung folgen würde. Das ist aber nur selten der Fall, vor allem bei jungen Studierenden.

Ach, die Jugend! Ich weiß ja genau, wie es denen ergeht. Auch ich habe schon in der Schule Brechreiz bekommen, weil im Deutsch-Leistungskurs immer diejenigen die besten Noten hatten, die den Kommentar vorgelesen haben, statt sich eine eigene Meinung zu bilden. Ich hab nicht mal die kommentierte Fassung gekauft! Und so manchem Lehrer, der mit dem Spruch „Sie können gern Ihre eigene Meinung vertreten, aber Sie müssen sie begründen können“ glänzte, habe ich schlicht die intellektuelle Fähigkeit abgesprochen, meiner Begründung folgen zu können. Schließlich haben die im Studium ja auch nur den Kommentar gelesen.

Es hat mich einen Studienabbruch und eine reuige Rückkehr in den akademischen Schoß gekostet, das Prinzip dahinter zu verstehen. Mein Ethik-Prof hat irgendwann die richtige Formulierung gefunden, als er begründete, warum die Meinung einer Studentin auf Master-Niveau in ihrer Arbeit nix zu suchen hat. Er sagte sowas wie: Sie fangen gerade erst an, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Andere haben schon Jahrzehnte dazu geforscht. Was auch immer Sie also tun, schreiben, oder vorschlagen: Sie stehen auf den Schultern von anderen. Und es ist nur recht und billig, dass diese anderen dafür auch anerkannt werden. Also zitieren Sie diejenigen, die Sie tragen, auch wenn Sie glauben, ganz allein auf eine Idee gekommen zu sein! Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Sie wirklich der Erste sind, ist nämlich gering.

Also, meine Meinung interessiert hier keinen; aber was bedeutet denn dann ‚kritische Auseinandersetzung‘???

Zunächst einmal: natürlich darf auch Ihre Meinung durchkommen (zumindest in bestimmten wissenschaftlichen Glaubensrichtungen), diese sollte aber nachvollziehbar auf Grund Ihrer vorherigen Analyse sein. So sollten Sie nicht 10 Statistiken zur Besonderheit der Generation Y zitieren und hinterher sagen ‚aber eigentlich ist das ja eh ein haltloses, verallgemeinerndes Konzept‘. Versuchen Sie den Perspektiv-Wechsel: nicht ‚meine Meinung als Studierende, oder als Paul‘, sondern ‚meine Meinung als Wissenschaftlerin‘ ist die angemessene Haltung.

Eine kritische Auseinandersetzung erfordert dann mehrere Schritte (nicht zwingend in dieser Reihenfolge, das ist kein Vorschlag zum Aufbau der Arbeit):

  1. Sie erläutern das Konzept, mit dem Sie sich kritisch auseinandersetzen wollen. Wahrscheinlich gibt es auch eine Begründung dafür, dass Sie das überhaupt interessiert, und erste Ideen einer Kritik.
  2. Sie erläutern die Methode(n), die Sie anwenden. Bei Hausarbeiten ist das ja meist eine Literaturanalyse, aber zum einen gibt es selbst da verschiedene Konzepte zu, und zum Anderen sollte man immer einen Satz zur Literaturauswahl sagen. Denken Sie aber auch an empirische Methoden, wenn das sinnvoll und zeitlich machbar ist!
  3. Sie zeigen auf, wie der Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu Ihrem Thema ist. Haben andere das Konzept schon beleuchtet? Was sagen die? Gibt es verschiedene Meinungen? Ihre Auseinandersetzung mit Ihrem Thema wird ‚kritisch‘, wenn es Ihnen gelingt, Widersprüche und Inkonsistenzen in der Debatte aufzuzeigen, und darauf aufbauend dürfen Sie gern eigene Analysen einbringen!
  4. Wenn Sie Primär-Forschung angestellt haben, stellen Sie die Ergebnisse vor und verknüpfen diese mit den Ergebnissen Ihrer Literaturrecherche (Diskussion). Waren die Ergebnisse zu erwarten, oder wird deutlich, dass es alternative Erklärungsmodelle braucht? Haben Sie ein alternatives Erklärungsmodell? Seien Sie hier vorsichtig mit Behauptungen, formulieren Sie lieber Ideen oder machen Sie Vorschläge für weitere Forschung.
  5. Reflektieren Sie Ihren Lernprozess. Kritische Auseinandersetzung wird abgerundet dadurch, dass Sie zeigen, dass Sie auch kritisch Ihrem eigenen Urteil gegenüber sind. Wenn Sie die Erfahrung aus Ihrem Praktikum als Fallbeispiel benutzen, dann machen Sie deutlich, dass Ihnen klar ist, dass Ihre Erfahrung nicht repräsentativ sein muss.

‚Kritische Theorie‘, ‚Kritisches Denken‘ etc. sind viel diskutierte Konzepte in der Wissenschaftsphilosophie, die vor allem auf eine gesellschaftliche Einordnung wissenschaftlicher Ergebnisse abzielen. Damit können wir uns bei anderer Gelegenheit beschäftigen. Die Qualität Ihrer wissenschaftlichen Arbeit wird auf jeden Fall zunehmen, wenn Sie sich mit Theorien zum Thema Wissen beschäftigen. Aber auch ohne Hang zu philosophischen Betrachtungen können Sie sich an die handwerklichen Tipps halten und solide kritische Auseinandersetzungen schreiben. Viel Spaß dabei!

Literaturtipps:

Johnson, P. & Duberley, J. (2000) Understanding Management Research, London: SAGE Publications.

Robson, C. (2002) Real World Research. A Resource for Social Scientists and Practitioner-Researchers, Zweite Auflage, Oxford: Blackwell Publishing.

Toracco, R.J. (2005) ‚Writing Integrative Literature Reviews: Guidelines and Examples‘, Human Resource Development Review, September 2005, S. 356-367.

2 Gedanken zu „Kritisch – kommt das nicht von ‚isch kritisiere‘?

  • 23. März 2017 um 18:05
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